Durch den Schnee

Erschütternd ist ein zu schwaches Wort, um zu Beschreiben, was Warlam Schalamow überlebt hat. In seinem Werk Durch den Schnee schildert er (Über)leben und Sterben in sibirischen Arbeitslagern, in denen er 17 Jahre seines Lebens verbracht hat. Kein bekömmliches Buch, bleiern liegt es im Magen, aber es ein wichtiges Zeitdokument, das Zeugnis ablegt über eine grausame unerbittliche brutale Welt. Kauft das Buch und lest es, und vergesst nicht, was da geschrieben steht.
Am Ende einige Erkenntnisse:

  • Ich habe gesehen, dass die einzige Gruppe von Menschen, die sich auch nur ein wenig menschlich benahm trotz Hunger und Verhöhnungen – die Religiösen sind, die Sektenmitglieder, und zwar fast alle, sowie ein grosser Teil der Popen.
  • Ich habe erkannt, dass man aus der Erbitterung leben kann.
  • Ich habe erkannt, dass man aus der Gleichgültigkeit leben kann.
  • Ich habe erkannt, warum der Mensch nicht aus den Hoffnungen lebt – es gibt keinerlei Hoffnungen, nicht aus dem Willen – was schon für ein Wille, sondern aus dem Instinkt, dem Selbsterhaltungstrieb – demselben Prinzip, wie auch der Baum, der Stein, das Tier.
  • Ich bin stolz, dass ich niemanden verkauft, niemanden in den Tod, in eine Haftstrafe geschickt, dass ich niemanden denunziert habe.

Das ist er:

schalamow

 

Wenn du das nächste Mal das Gefühl hast, huiii, heute ist aber kalt:

Ein Thermometer bekamen die Arbeiter nicht zu sehen, und das war auch nicht nötig, zur Arbeit ausrücken mussten sie bei jeder Temperatur. Ausserdem konnten Alteingesessene den Frost auch ohne Thermometer fast exakt bestimmen: wenn Frostnebel herrscht, dann sind es draussen minus vierzig Grad; wenn die Luft beim Atmen mit Geräusch ausfährt, doch das Atmen noch nicht schwer wird, sind es fünfundvierzig; wenn das Atmen ein Geräusch macht und Kurzatmigkeit dazukommt, sind es fünfzig Grad. Bei über fünfzig Grad – gefriert die Spucke in der Luft. Die Spucke gefror in der Luft schon seit zwei Wochen.

Die Wohlgesinnten

Ich halte das literarische Erdbeben dieses Jahres in meinen Händen: Die Wohlgesinnten von Jonathan Littell. Erzählt wird die Geschichte eines SS-Offiziers im Zweiten Weltkrieg aus der Perspektive des SS-Offiziers. Viel wurde über das Buch geschrieben, es war ein Sensationserfolg in Frankreich (der Verleger glaubte, 8000 Stück davon zu verkaufen, es gingen 1 Million Exemplare über die Ladentheken). Einige Kritiker sprechen von einem Jahrhundertwerk, andere erkennen darin bloss dummes Geschwätz, einen Schundroman. Bald schon werde ich das Buch lesen und darüber berichten.

Wolf Haas lesen

Es ist einige Monate her, seit mein Mitbewohner Strub mit einem schelmischen Lächeln und einem schmalen Büchlein in der Hand in mein Zimmer trat. Wolf Haas, sagte er, ein guter Autor. Du musst dieses Buch lesen. Unbedingt. Und also las ich das Buch wie mir gehiessen. Es dauert einige Seiten, bis man sich an Haas’ eigenartige elliptische Sätze gewöhnt hat, aber dann: Riesenspass. Auf Der Knochenmann folgte Auferstehung der Toten und darauf Das ewige Leben. Es sind Kriminalromane mit aussergewöhnlich dürftigem Plot, aber von umwerfender sprachlicher Schönheit (auf eine sehr spezielle Art). Es sind die Ellipsen, mein lieben Freunde, die Ellipsen.
Man sieht dem Brenner einfach gerne zu, wenn er sich durch sein Leben wurstelt, durch die Gänge schleicht, Leute befragt, beobachtet, beschreibt, seine latenten Kopfschmerzen bekämpft.
Credits an Strub für den Tipp. Sobald er Silentium! aus der Hand gelegt hat, bin ich am Zuge, frage nicht.

1kg Küng

Ich lese nicht mehr viel in letzter Zeit, aber Max Küngs Kolumnen- und Reportagensammlung hat es mir angetan.

kueng

Ein Klobuch im besten Sinne: unterhaltsam, kurzweilig, witzig.