Nach einer eher enttäuschenden Vorrunde der zweiten Mannschaft des HSV Halten wurde an einem ausserordentlichen Workshop zu Beginn des Jahres beschlossen, dass der Mannschaftsgeist unbedingt und umgehend gestärkt werden muss. Jetzt Frage: wie stärkt man den Mannschaftsgeist einer verunsicherten 5.Liga Fussballmannschaft? Richtig, indem sich die Spieler beim Paintball gegenseitig niederzumetzeln.
Paintball ist eine neuartige Freizeitbeschäftigung. Im wesentlichen geht es darum, sich mit einer Farbpistole bewaffnet hinter Schutzwällen zu verstecken und gegnerische Spieler abzuknallen, wenn sie dir vor die Flinte laufen. In Grellingen gibt es eine Paintball-Halle, ungefähr 15×50 Meter gross, vollgestellt mit groben Holzverschlägen, hinter die sich der geübte Spieler in Deckung begeben kann.
Kurze Instruktion, dann rein in den Ganzkörperanzug, Schutzmaske aufgesetzt, Waffe behändigt, Druckluft reingepumpt, mit 200 Farbkugeln aufmunitioniert und schon kann es losgehen. Ich fand mich im Team mit den roten Baseball-Mützen wieder, das, wie sich bald zeigen sollte, ihren Widersachern mit den schwarzen Kopfbedeckungen nicht gewachsen war. Wir bestritten ein Dutzend Schlachten und gewannen deren drei, in der Regel wurden wir jedoch von der schwarzen Walze überrollt. Gegen Ende des Gemetzels gingen meine Farbkugeln zur Neige, und da ich keine Lust verspürte, reales Geld in Munition zu investieren, änderte ich kurzerhand meine Taktik und versteckte mich in der sicheren Deckung weit in unserer Zone, rollte ein bisschen hier hin und ein bisschen dort hin, feuerte ab und zu eine Farbkugel ab, verharrte aber meistens hinter einer Holzwand und dachte nach über die Grausamkeit des Krieges. Irgendwann tauchten unverhofft die schwarzen Krieger auf und streckten mich nieder. Erschwerend kam hinzu, dass ich nach einigen Runden nicht mehr viel sehen und auch nicht mehr beurteilen konnte, wo meine Geschosse einschlugen, obwohl ich mein Visier stets gewissenhaft reinigte. Schlechte Voraussetzungen, um einen Krieg zu gewinnen. Und eines darfst du nicht vergessen: aus kurzer Distanz abgefeuert brennt die zerspringende Farbkugel ganz ordentlich, Schutzanzug hin oder her.
Dieser Nachmittag bot mir einen interessanten Einblick in eine völlig fremde Welt. Ich denke, dass mir diese Welt auch in Zukunft fremd bleiben wird, denn ich werde meine Paintball-Karriere voraussichtlich nicht fortsetzen, vor allem deshalb, weil ich zu alt, zu langsam und zu blind für diesen Sport bin. Aber trotzdem schön, dabei gewesen zu sein.
Paintball
February 27th, 2010Alina Yael
February 27th, 2010Gestern frühmorgens um 2:30 gebar meine Schwester eine Tochter, die den Namen Alina Yael trägt.
Herzlich willkommen!
Du wurdest in eine Welt geborgen, die mit den Nachwehen einer Finanzkrise kämpft, welche durch die Gier einiger skrupelloser Idioten verursacht und befeuert wurde. Mit Barack Obama ist erstmals ein Mann afro-amerikansicher Herkunft Präsident des mächtigsten Landes der Welt, den Vereinigten Staaten von Amerika. Eine Frau (Angela Merkel) ist deutsche Bundeskanzlerin und ein Homosexueller (Guido Westerwelle) ist deutscher Aussenminister. Wunderbar, wir sind auf dem Weg zu einer farbenfroheren, pluralistischeren Welt. China hat sich aufgemacht, zum einflussreichsten Land der Erde aufzusteigen. Die Schweiz macht sich langsam mit dem Gedanken vertraut, dass das Bankgeheimnis vom Strom der Geschichte weggeschwemmt wird und hat an der Morgen zu Ende gehenden Olympiade in Vancouver 6 Gold- und 3 Bronzemedaillen errungen.
Die drei meistbesuchten Internetseiten sind
- google.com
- facebook.com
- yahoo.com
Zur Feier deiner Geburt habe ich gestern Abend ein Tannenzäpfle Bier getrunken.
2666
February 21st, 2010Nach zweimonatiger Lesereise vorwiegend in Zügen und Bussen habe ich Roberto Bolanos 2666 zu Ende gelesen. Ein grosses Buch, wenn auch seltsam, beklemmend, dunkel, verstörend, aber von einer ausserordentlichen sprachlichen Meisterschaft. Der Roman besteht aus fünf Teilen, die allesamt einen Bezug zur fiktiven mexikanischen Stadt Santa Teresa haben, hinter der sich das reale Ciudad Juárez verbirgt, wo in den 90ern junge Frauen zu hunderten unter ungeklärten Umständen ermordet wurden. Der erste Teil handelt von vier Literaten, die auf der Suche nach dem verschollenen deutschen Schriftsteller Benno von Archimboldi nach Santa Teresa gelangen. Der zweite Teil erzählt die Geschichte des chilenischen Literatur-Professors Amalfitano, der in Santa Teresa lehrt und lebt. Der dritte Teil kreist um den schwarzen US-Journalisten Fate, der über einen Boxkampf in Santa Teresa berichten soll, sich aber zunehmend für die Frauenmorde zu interessieren beginnt, bevor er in die USA zurückgerufen wird. Der vierte Teil ist den Frauenmorden gewidmet und der letzte Teil dem Leben Archimboldis.
Bolano schreibt Sätze wie diesen: Manchmal stürzte er sich zusammen mit seinen Kameraden in die Eroberung einer feindlichen Stellung, ohne die geringste Vorsichtsmassnahme, was ihm den Ruf der Kühnheit und Tapferkeit eintrug, obwohl er bloss eine Kugel suchte, die seinem Herzen Frieden brachte. (S.850)
Das sind natürlich Sätze, die nicht viele zu schreiben im stande sind. Und obwohl sich mir die Botschaft des Romans nicht vollständig erschliesst, ist die Sprache doch wunderbar. Man versinkt darin und wird von ihr verschlungen.
Ich bin ohnehin ein grosser Fan südamerikanischer Autoren, insbesondere liebe ich die üppige Sprache Gabriel Garcia Marquez, und Bolano zeigt mir nun, dass ich noch viel mehr Bücher süd- oder mittelamerikanischer Schriftsteller lesen muss. Generell mehr lesen. Kann nicht schaden.
Schabrackentapir
February 14th, 2010Letzen Freitag fuhren wir nach Stuttgart, um ein Konzert des Liedermachers Funny van Dannen zu besuchen. Meine Schwester hatte mir zum Geburtstag zwei Tickets geschenkt. Die Veranstaltung sollte ursprünglich am 19. Dezember über die Bühne gehen, doch nach diversen Verschiebungen und Lokalitätswechseln wurde schliesslich das Kulturzentrum Zapata zum Austragungsort auserkoren. Eine Menge Leute waren da, das Publikum bunt gemischt, von 3-70 Jahren alles dabei, leicht links-alternativ angehaucht, erwartungsfroh. Irgendwann trat Funny dann auf die Bühne mit seiner Gitarre und einem Stapel Liedertexten. Einige einleitende Worte, verschmitztes Lächeln, dann begann er zu spielen. In einer ersten Phase vorliegend Titel seines aktuellen Albums Saharasand, später dann plünderte er wahllos die reichen Bestände seines Liederarchivs. Du darfst nicht vergessen: Funny van Dannen hat ungefähr ein Dutzend Alben veröffentlicht und auf jedem Tonträger schlummern durchschnittlich 20 Songs, wir sprechen also von ungefähr 240 Liedern. Da kann man aus dem Vollen schöpfen.
Irgendwann begannen die Leute, ihre Wunschlieder reinzuschreien und Funny spielte, was sie hören wollten. Er gab alle grossen Hits zum besten, von denen ich viele gar nicht kannte:
Grooveman
Herzscheisse
Schilddrüsenunterfunktion
Kapitalismus
Gutes tun
Vaterland
Korkenzieherlocken
Plastikball
Saufen
Lesbische schwarze Behinderte
Ich habe einen Arbeitsplatz vernichtet
Nebelmaschine
Okapiposter
Nana Mouskouri
Die Titel der Lieder lassen auf einen grossartigen Abend schliessen und das war es auch. Einzig Uruguay fehlte.
Nach zirka 40 musikalischen Beiträgen und zwei Zugaben schloss Funny van Dannen seinen Vortrag mit dem letzten Lied des aktuellen Albums ab und verliess die Bühne, nachdem er sich unter tosendem, nicht abbrechen wollendem Applaus und einem schlichten Merci. Tschüss. vom Publikum verabschiedet hatte.
Für alle Fans hier noch das Okapiposter:
Wer Funny van Dannen nicht kennt, muss sich das Lied vielleicht mehrmals anhören, um gefallen daran zu finden.
Baker Miller Pink
February 14th, 2010Heute einen interessanten Artikel im Magazin gelesen. In der Haftanstalt in Pfäffikon gibt es eine Zelle, deren Boden, Decke und Wände pink gestrichen sind. Aggressive Häftlinge werden darin eingesperrt. Dann kehrt Ruhe ein. Alle Wut verfliegt.
Basiert auf Erkenntnissen des Wissenschaftlers Alexander Schauss. Er beobachtete, dass sich randalierende Gefängnisinsassen beim Anblick der Farbe Pink innert einer Viertelstunde beruhigen. Daraufhin komponierte er eine Farbe mit dem Namen Baker Miller Pink. Die Eintrittszelle eines amerikanischen Knasts wurde mit dieser Farbe gestrichen. Der Erfolg war überwältigend: keiner der Inhaftierten liess sich zu einer Aggression hinreissen.
Jetzt pass auf: 1998 pinselte das Fussballteam der Universität von Iowa die Umkleidekabinen ihrer Gegner rosa. Die Wirkung muss frappant gewesen sein: Kurz darauf erliess die Western Athletic Associaton ein Gesetz mit der Vorschrift, in Sportanlagen müssten alle Umkleidekabinen im gleichen Farbton gestrichen sein.
Ende März beginnt die Rückrunde mit dem HSV. Momentan stehen wir auf dem letzten Platz. Wir sollten uns ernsthaft die Frage stellen, ob die Umkleidekabine der Gegner nicht neu gestrichen werden sollte.
remember frank zappa
February 8th, 2010Ein Zitat von Frank Zappa:
remember, information is not knowledge,
knowledge is not wisdom
wisdom is not truth
truth is not beauty
beauty is not love
love is not music
music is the best
Der Musik-Teil ist Quatsch, aber hey, es ist Frank Zappa, was hast du erwartet. Was den ganzen Rest angeht, da muss ich sagen, hat er nicht unrecht, der Frank.
Dreissig
January 31st, 2010Am Tag, als die Firma Microsoft ihr neues Betriebssystem Windows 7 veröffentlichte, wurde ich 30 Jahre alt. Welch eine Ironie. Einen solchen Spass kann sich nur das Leben erlauben.
Jedenfalls ein wunderbarer Tag, Leute haben gratuliert, Geschenke habe ich auch bekommen, was willst du mehr. Liegt bereits wieder einige Monate zurück, tief um Jahr 2009, aber ich wollte es jetzt doch noch mal offiziell erwähnt haben.
Am Bruchweg
January 31st, 2010Es war bitterkalt am letzten Samstag, als ich mich mit Laure und Holger guten Mutes auf den Weg machte nach Mainz, Stadion am Bruchweg, wo wir die Roten (=Hannover 96) nach verpatzem Rückrundenstart siegen sehen wollten. Spiel eins nach der Entlassung von Trainer Bergmann. Mirko Slomka soll der verunsicherten Mannschaft nun neues Leben einhauchen. Nach dem tragischen Tod Robert Enkes lief nicht mehr viel zusammen bei den Roten, sieben Spiele ohne Sieg, auf Platz 16 abgerutscht, der zur Teilnahme an den Relegationsspielen gegen den dritteplatzierten Zweitligisten berechtigen würde. Gilt es zu vermeiden, weil Zitterpartie. Immerhin haben uns die Roten noch bei jedem Auswärtsspiel, das wir besucht haben, mit mindestens einem Punkt beschenkt: 1:2 Auswärtssieg in Stuttgart und 2:2 in Hoffenheim.
Das Stadion am Bruchweg ist nicht gerade eben ein Schmuckstück, eher Zweckbau, bisschen hingebastelt, aber gemütlich, liegt mitten in der Stadt, ungefähr 22000 Fans passen rein, deren 20000 waren an jenem Nachmittag im Stadion, darunter wir und einige hundert Hannoveraner. Vor dem Anpfiff noch kurz zum Bahnhof spaziert, um Holgers Gepäck in ein Schliessfach zu sperren, damit er nach Spielschluss leichtfüssig den Zug in den Norden erreicht.
Wir entschieden uns für Stehplätze, was eine gute Sache ist, denn damit befanden wir uns inmitten der Schreihälse und Mitgröler, wo das Leben und die Leidenschaft tobt. Das Problem im Stehplatzsektor sind nicht die angetrunkenen, ewig unzufriedenen Fans, die ihren Unmut in kurz knappe Sätze packen und auf das Spielfeld schleudern, sondern die Anhänger, die in der ersten Reihe ihre riesigen Fahnen schwenken und damit allen übrigen Zuschauern die Sicht nehmen. Wodurch wir prompt den ersten Angriff der Mainzer verpassten, der auch gleich in ein Gegentor mündete. Stimmung im Gäste-Sektor danach kurz auf dem Tiefpunkt, also rückte Holger aus, um Bier zu besorgen. Die Situation auf dem Spielfeld stabilierte sich ein wenig, die Roten steigerten sich minimal, ohne sich allerdings zwingende Torchancen zu erarbeiten. Auch vom grossen Jiri Stajner war nicht viel zu sehen, bekam keine Bälle.
Zur Pause nochmals Bier holen, aber man konnte so viel Bier trinken wie man wollte, das Spiel verharrte auf tiefem Niveau: Die Mainzer machten hinten dicht und die Roten fanden kein Mittel, das Abwehrbollwerk zu durchbrechen. Und so geschah auch die gesamte zweite Halbzeit über genau nichts. Die Mainzer gewannen dank ihres frühen Treffers mit 1:0 und die Roten erspielten sich während der gesamten 90 Minuten nicht eine einzige Torchance.
Die H96-Anhänger waren nach dem Schlusspfiff entsprechend verärgert und erzürnt, sie schrien “Wir haben die Schnauze voll” und sonst noch so einiges, das hier nicht niedergeschrieben werden soll. Die Spieler entschwanden rasch in die Katakomben. Wir verliessen den Mainzer Bruchweg enttäuscht und durchfroren. Sieht momentan besorgniserregend aus. Wenn das so weiter geht, dann oleole 2. Liga.
Federer am Sonntag
January 31st, 2010Wenn der grosse Roger Federer am Sonntag Morgen in Australien einen Grand Slam Final bestreitet, dann ist der Tag gerettet. Es ist immer wieder erstaunlich, auf welch hohem Niveau der Meister seine Gegenspieler demontiert. Und sie sind ja nicht schlecht, auch Murray war es heute nicht. Aber trotzdem nicht den Hauch einer Chance.
Eines allerdings darfst du nicht vergessen: 2-3 gute Jahre bleiben, danach werden so schnell keine Schweizer Tennisspieler mehr ein Grand Slam Turnier gewinnen. Also darf man sich keine Federer Show entgehen lassen, so lange der Magier noch aufspielt.
Wir werden auf diese Jahre zurückblicken und sagen: Das war eine grosse Zeit. Ich sass vor dem Fernseher und habe mitgefiebert. Und auch der 16. Grand Slam Titel war genau so schön wie die 15 zuvor.
2666 - Der Grund allen Lesens
January 23rd, 2010In diesem Jahr will ich einige der grossen zeitgenössischen Romane lesen (z.B. 2666, Unendlicher Spass, Brüder, Die Wohlgesinnten, Der Turm). Begonnen habe ich mit 2666 von Roberto Bolano.
Auf Seit 283 habe ich den Grund gefunden, warum ich dies tue:
Nicht einmal die belesenen Apotheker wagen sich mehr an die grossen, die unvollkommenen, die überschäumenden Werke, die Schneisen ins Unbekannte schlagen. Sie geben den perfekten Fingerübungen der grossen Meister den Vorzug. Anders gesagt: Sie wollen die grossen Meister bei eleganten Fechtübungen beobachten, aber nichts wissen von den wahren Kämpfen, in denen die grossen Meister gegen jenes Etwas kämpfen, das uns allen Angst einjagt, jenes Etwas, das gefährlich die Hörner senkt, und es gibt Blutvergiessen, tödliche Wunden und Gestank.
Die Schneisen ins Unbekannte schlagen. So ist es. Da muss man als Leser hin. Nicht immer bloss Martin Suter und Wolf Haas (obwohl natürlich Spitzenautoren), wos lustig und spannend ist, sondern auch mal dort hin wos weh tut, wo die Lunge brennt und die Augen tränen.
Kafka hat es so ausgedrückt:
Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.