Da versteht jemand den Brenner nicht

In der neuen deutschen Literatur gibt es zwei Grosse: Jörg Fauser und Wolf Haas. Fakt.

Es folgt eine schöne Rezension eines Brenner-Romans auf amazon.de, vernichtendes Urteil: 1 Stern, frage nicht:

Die positiven Rezensionen kann ich trotz ernsthaften Bemühens, mich beim Lesen gut zu unterhalten, nicht nachvollziehen. Die vom Autor an den Tag gelegte exzessive Verwendung von Hilfverben, wie “tun”, die möglicherweise der Erzeugung eines “Lokalkolorits” dienen soll (nur, wer redet so? Niemand), löste bei mir den Wusnch aus, das Buch teilgelesen in hohem Bogen ins Altpapier zu werfen. Die Stories mögen ja ganz spannend sein, aber der Sprachstil nervt einfach nur. Ich kann den Hype um den Autor nicht teilen.

So habe ich Wolf Haas nie gelesen. Ganz im Gegenteil, ich fand die Stories immer mässig spannend, aber die Sprache überwältigend. Grosses Kino Hilfsausdruck. Mit nichts anderem zu vergleichen (falls jemand Ähnliches kennt, bitte melden).

Wolf, um Himmels Willen, schreib wieder mal einen Brenner-Roman!

Garmin, auf ein Wort

Was habe ich geschwärmt vom Forerunner 235, damals im Juli. Superlativen habe ich bemüht. Über den grünen Klee habe ich das Garmin-Produkt gelobt und tatsächlich, die Uhr ist grossartig.

Aber die optische Pulsmessung funktioniert nicht.

Alle paar Wochen wird ein neues Softwareupdate bereitgestellt, verbunden mit der Hoffnung, dass die Pulsmessung-Bugs (endlich) gefixt werden. Doch bis heute Fehlanzeige.

Liebe Garmin-Produktmanager, falls ihr das lest: die Pulsmessung “friert ein”, soll heissen: das Training beginnt, der Puls geht doch, und dann, plötzlich, bleibt die Pulsmessung auf einem Wert stehen, macht keinen Wank mehr, bis das Training beendet ist. Sieht dann so aus:

Geschieht zu Beginn des Training (in den ersten 15min), nicht immer, aber oft genug.

Ich weiss, Software, schwierige Sache, aber das muss besser werden. Dieses Problem nervt seit 6 Monaten. Ansonsten Top-Laufuhr.

Fazit 2016

Brexit, Trump, usw. Das Jahr in einem Bild:

Jetzt musst du stark sein.

Ein schockierendes Bild hat sich in meine Gedächtnis gebrannt. Es zeigt den 5-jährigen Omar Daqneesh nach einem Bombenangriff in Aleppo. Er sitzt im Ambulanzwagen, weint nicht, schreit nicht, sitzt bloss da, wischt sich das Blut aus dem Gesicht und wartet.

Das ist also die Scheisswelt, in der wir leben.

Das schreibt sich einfach, in einer beheizten Wohnung sitzend, in einer ruhigen Gegend, in einem politisch stabilen Land.

Ich habe keine Ahnung, wovon ich spreche.

10 Jahre, 800 Posts

Erstaunlicherweise erreiche ich regelmässig gegen Jahresende eine 100-Blogpost Grenze, und dieses Jahr gibt es ein weiteres Jubiläum zu feiern: 10 Jahre Zaugg schreibt.

Erstaunlich, bei Softwarefragen verspekulieren ich mich regelmässig, aber vor 10 Jahren entschied ich mich mit sicherer Hand für WordPress. Wie sich herausstellte, habe ich damit mit prophetischer Weitsicht das dominante CMS (content management system) unserer Zeit ausgewählt.

10 Jahre, 800 Posts, 80 Posts/Jahr, 7 Posts/Monat, nicht schlecht, ich bin zufrieden mit dem Ergebnis und werde weitermachen. Noch ein paar Jährchen und irgendwann wird es zu dem, was der Titel verspricht: die Wege, die ich gegangen bin. Oder zumindest die Umrisse dessen, denn vieles bleibt weiterhin im Verborgenen, denn das Internet ist eine Bestie. Wolf im Schafspelz. Geheimnisse müssen bewahrt werden. Vergiss das nicht.

Unter Null

In Panikherz bringt uns Stuckrad-Barre seine literarischen Helden näher: Fauser, Bukowski, Ellis. Ich natürlich elektrisiert, denn Fauser bekanntlich grosses Kino und es gibt nicht manchen, der das erkannt hat. Deshalb sogleich literarische Verbrüderung mit Stuckrad-Barre akzeptiert.

Er beschreibt den Moment, als er Unter Null von Bret Easton Ellis las:

Ich setzte mich hin und hörte nicht auf zu lesen, und mir widerfuhr, was in Comics passiert, wenn jemand in eine Steckdose fasst. “Auf den freeways in Los Angeles werden die Leute auch immer rücksichtsloser”, so begann “Unter Null”, und für mich begann genau da die Gegenwart. Im Lesen, im Denken – und in meinem Leben. Jetzt hatte ich mich zugeschaltet.

Interessant, und da mir Ellis weitgehend unbekannt ist und ich unsere literarische Verbrüderung untermauern wollte, habe ich Laure sogleich zum Stauffacher dirigiert, Unter Null kaufen.

Gelesen über Weihnachten. Leider nichts für mich. Respekt für die Leistung (Ellis schrieb das Buch als 20-jähriger), verstehe auch durchaus, dass es sich zu einem Kultbuch entwickelt hat, mich aber hat es nicht erreicht.

Der Roman erzählt die Geschichte von Clay, einem rich kid, der seine College-Ferien mit anderen rich kids verbringt, sprich: Parties, Drogen (vor allem Kokain), ein bisschen Sex und einige weitere ziemlich üble Abgründe. Die Erzählung lässt sich mit folgendem Auszug zusammenfassen:

Ausserdem wird mir klar, dass ich tatsächlich mit Julian ins Saint Marquis gehen werde. Dass ich rausfinden will, ob so etwas wirklich passieren kann. Und wir fahren weiter abwärts, vorbei am ersten Stock, vorbei am Erdgeschoss, noch tiefer, un da wird mir klar, dass es nicht um das Geld geht. Dass es in Wirklichkeit nur um eines geht. Ich will auch noch das Schlimmste erleben.

Und das erleben wir dann auch. Und es wird noch ein bisschen schlimmer.

Hat mich alles nicht so richtig interessiert, aber es gab durchaus Glanzlichter, wie diesen Dialog, der das Lebensgefühl der rich kids einfängt (Clay ist der Ich-Erzähler, sein Ex-Freundin stellt die Fragen):

“Was interessiert dich denn überhaupt? Was macht dir Freude?”
“Nichts. Nichts macht mir Freude. Ich mag gar nichts”, erkläre ich ihr.

Man sagt, es sei das beste Buch von Bret Easton Ellis. Die Jungen sollen es lesen, für die Alten ist es wahrscheinlich zu spät.

Daumen hoch: Panikherz

Stuckrad-Barres Autobiographie gelesen, und ich kann ihr einen hohen Unterhaltungswert attestieren.

Das ganze läuft zweigleisig: ein Erzählstrang behandelt seine Drogenjahre in Hamburg, Berlin, Zürich sowie diversen Entzugskliniken; die zweite Ebene ist in der Jetztzeit angesiedelt und beschreibt einen mehrwöchiger Aufenthalt im Hotel Chateau Marmont am Sunset Boulevard, wo er den vorliegenden Roman schreibt. Nebenbei hängt er noch ein bisschen mit Bret Easton Ellis rum, geht essen mit Thomas Gottschalk, besucht ein Konzert von Noel Gallagher sowie eine Leseveranstaltung von Elvis Costello (einem seiner Helden).

Aber natürlich die Schlingerjahre viel interessanter. Stuckrad-Barre torkelt von einem Rausch in den nächsten oder besser: alles Handeln ist darauf ausgerichtet, den Rausch erst gar nicht abklingen zu lassen. Und das alles in dieser witzigen Sprache, eine seltsame ironisch-skeptische Distanz zu sich selber, Gedankensprünge, irres Zeug, meisterhaft verknüpft. Typische Stelle, bei der ich laut lachen musste:

Ich nehme mir ein Aldi-Wasser aus dem Kühlschrank, damit die Schlaftabletten sicher ans Ziel kommen, das Ziel ist mein Hirn – und es wäre schön, wenn da oben dann bald mal Ruhe wäre. Einer der Aldi-Brüder, Karl, glaube ich, hielt an seinem 90. Geburtstag folgende Festrede:

Ich wollte gar nicht, dass ihr alle kommt.
Ich habe Hunger.
Ich gehe bald wieder nach Hause.

Das ist eigentlich mein Text, Abend für Abend.

Bisschen viel Udo Lindenberg (sein grösster Held) gegen Ende, aber insgesamt sehr lesenswert. Also raus in den Buchladen. Kaufen. Lesen. Und gleich noch ein Buch von Jörg Fauser mitnehmen (Rohstoff!).

Yoshua Bengio, ein Mann mit Prinzipien

Yoshua Bengio ist neben Jeffrey Hinton, Yann LeCun und Andrew Ng einer der Begründer der Deep Learning Revolution, welche die Grundlage des momentanen AI Hypes bildet.

LeCun ist unterdessen bei Facebook, Ng bei Baidu und Hinton bei Google. Alle dem Geld erlegen. Nicht so Bengio. Er liess sich trotz der gebotenen Millionen nicht von der Universität Montreal weglocken. Seine Arbeit wird zwar teilweise von grossen Konzernen (Google, IBM, Samsung) gesponsert, er lässt sich aber nicht in seine Forschung rein quatschen. Bei Einflussnahme durch die Geldgeber werden die Geschäftsbeziehungen sogleich eingestellt. Der Mann ist ein Freigeist und will unabhängig bleiben. Hier seine entwaffnend idealistische Begründung:

That’s who I am, that’s the choice I made that fits with my values, and I don’t need to get the millions, I’m fine. My salary is very good, and I care more about how what I can do could have a positive impact for science, humanity, and for training the next generation [of researchers].