Die Nummer ist mein Zeuge, wir verschwinden zusammen

Tova Friedman hat Auschwitz als Fünfjährige (!) überlebt, indem sie sich unter einer Leiche versteckte (die Idee ihrer Mutter). Unlängst gewährte sie dem SPIEGEL ein bewegendes Interview.

Sie bringt ihre Geschichte einem jüngeren Publikum auf Tiktok näher. Die Idee dazu hatte ihr Enkel Aron Goodman, der 1-Minuten-Videos seiner Grossmutter auf der Plattform hochlud, in denen sie von ihren Auschwitz-Erinnerungen erzählt. Stück für Stück. Natürlich ist sie sich bewusst, dass es nicht gelingen kann, den Horror des Holocaust in Kurzvideos zu vermitteln. Es kann immer nur eine Annäherung sein.

Wichtig ist es trotzdem, die Stimme einer Überlebenden zu hören und damit der Flut an Desinformation auf eben jener Plattform entgegenzutreten.

Das Ende des Interviews:

SPIEGEL: Haben Sie je darüber nachgedacht, Ihre Häftlingsnummer zu entfernen?

Friedman: Niemals. Ich schäme mich für nichts. Die Nazis sollten sich schämen. Die Nummer ist mein Zeuge, wir verschwinden zusammen.

SPIEGEL: Nun berichten Sie seit Jahren von den Gräueln Ihrer Kindheit. Wie schaffen Sie es, diese Erinnerungen immer wieder zu durchleben?

Friedman: Am Anfang war es hart. Besonders wenn ich von meiner Mutter gesprochen habe, wir haben so vieles miteinander geteilt. Aber mit der Zeit macht man es einfach. Wissen Sie, warum? Sechs Millionen sind eine große Zahl, die man sich nicht vorstellen kann. Für sechs Millionen Jüdinnen und Juden können Sie keine Empathie empfinden, aber für eine Person. Also repräsentiere ich all jene, die nicht mehr reden können. Solange ich hier bin, bezeuge ich die wahre Geschichte. Wenn ich nicht mehr bin, macht das hoffentlich die nächste Generation.