PNR

Ich habe lange auf die Vollendung der dystopischen Trilogie von Sibylle Berg gewartet. Ende Oktober ist der dritte Teil erschienen, Vorbestellung ging vor Monaten raus, frage nicht. Teil 1 (GRM) war eine Wucht, Teil 2 (RCE) ebenfalls ausgezeichnet und nun Teil 3: La Bella Vita (PNR), der Entwurf eine anarchistischen Utopie.

Sagen wir mal so: es war schwer, meine überbordenden Erwartungen zu erfüllen, vielleicht ein Ding der Unmöglichkeit, aber ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Berg ein Stipendium für einen Schreibaufenthalt in Rom erhalten hat, dort in ihrer Werkstatt sass und dachte: ich muss die Trilogie abschliessen, also ein bisschen rausgehen, die Stadt besichtigen und eine Geschichte zusammenschrauben, Anarchie im Hinterkopf.

Es wäre aber kein Sibylle-Berg-Roman, wenn nicht Spurenelemente grossartigen Schreibens auffindbar wären:

Familie ist im guten Falle das, was bleibt, wenn alle gegangen sind. Es sind die Menschen, die einen ertragen, auch wenn man sich selbst kaum aushält. Die einen mehr nerven als alle anderen, weil sie näher sind, Teil von einem. Im besten Fall sind sie bei einem. Vom Anfang bis zum Ende.
S. 267

Und ein bisschen Hoffnung zum Schluss:

Bald wird die erste Generation der Menschen ohne Angst aufgewachsen sein, ohne Hass auf andere, ohne das Gefühl, etwas zu verpassen, ohne verkümmerte Hirne und falsche Ideen von Reichtum und angeklebten Fingernägeln, ohne die Verzweiflung, wahrgenommen werden zu wollen und es doch nicht zu sein, ohne die wenigen Prozent mit unermesslichem Kapital und Reichtum und den grossen Rest.

Vielleicht ist es ein bisschen langweilig ab und zu, wenn man nichts im Netz bestellen kann, sich nicht durch Schwachsinn scrollen kann, aber: Da stehen sie in ihren Wohnungen, die ihnen nicht genommen werden können; sie arbeiten, weil sie es wollen, tun etwas, was sie lieben. Sie singen in Chören und schrauben an Geräten, sitzen auf Wiesen, treffen sich und atmen tief ein – so fühlt es sich an, das neue Leben.
S. 410