Im Nebel

Heinrich Heine

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den anderen,
Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel f├Ąllt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allem ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

An die Nachgeborenen

Bertolt Brecht

I

Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
Das arglose Wort ist t├Âricht. Eine glatte Stirn
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende
Hat die furchtbare Nachricht
Nur noch nicht empfangen.

Was sind das f├╝r Zeiten, wo
Ein Gespr├Ąch ├╝ber B├Ąume fast ein Verbrechen ist.
Weil es ein Schweigen ├╝ber so viele Untaten einschlie├čt!
Der dort ruhig ├╝ber die Stra├če geht
Ist wohl nicht mehr erreichbar f├╝r seine Freunde
Die in Not sind?

Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Unterhalt
Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts
Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich sattzuessen.
Zuf├Ąllig bin ich verschont. (Wenn mein Gl├╝ck aussetzt, bin ich verloren.)

Man sagt mir: i├č und trink du! Sei froh, da├č du hast!
Aber wie kann ich essen und trinken, wenn
Ich dem Hungernden entrei├če, was ich esse, und
Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt?
Und doch esse und trinke ich.

Ich w├Ąre gerne auch weise.
In den alten B├╝chern steht, was weise ist:
Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit
Ohne Furcht verbringen
Auch ohne Gewalt auskommen
B├Âses mit Gutem vergelten
Seine W├╝nsche nicht erf├╝llen, sondern vergessen
Gilt f├╝r weise.
Alles das kann ich nicht:
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!

II

In die St├Ądte kam ich zur Zeit der Unordnung
Als da Hunger herrschte.
Unter die Menschen kam ich zu der Zeit des Aufruhrs
Und ich emp├Ârte mich mit ihnen.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

Mein Essen a├č ich zwischen den Schlachten
Schlafen legte ich mich unter die M├Ârder
Der Liebe pflegte ich achtlos
Und die Natur sah ich ohne Geduld.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.
Die Stra├čen f├╝hrten in den Sumpf zu meiner Zeit.
Die Sprache verriet mich dem Schl├Ąchter.
Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden
Sa├čen ohne mich sicherer, das hoffte ich.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

Die Kr├Ąfte waren gering. Das Ziel
Lag in gro├čer Ferne
Es war deutlich sichtbar, wenn auch f├╝r mich
Kaum zu erreichen.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.

III

Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
In der wir untergegangen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schw├Ąchen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid.

Gingen wir doch, ├Âfter als die Schuhe die L├Ąnder wechselnd
Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt
Wenn da nur Unrecht war und keine Emp├Ârung.

Dabei wissen wir doch:
Auch der Ha├č gegen die Niedrigkeit
verzerrt die Z├╝ge.
Auch der Zorn ├╝ber das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten f├╝r Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es so weit sein wird
Da├č der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unserer
Mit Nachsicht.