Arno Camenisch

Vor einigen Jahren las ich einen Artikel, wahrscheinlich im Magazin, über den Bündner Jungautor Arno Camenisch und ich dachte mir: du musst ein Buch kaufen von ihm und es lesen. Da nun aber schon viele Bücher auf meinem Schreibtisch liegen, die gelesen werden wollen, habe ich es vergessen, bis ich eine Buchhandlung in Zürich besuchte, durch die Bücherregale streifte und zufälligerweise auf eine kleine Kolumnen-Sammlung von Camensich stiess, die ich kaufte und im Zug las. Einfache, humorvolle, präzise Sprache, gefällt mir, also ab ins Internet und direkt den ersten Band seiner Bündner-Trilogie bestellt: Ser Nez. Gelesen. Fremde Welt, aber hat einen andächtigen rauen Charme. Das gefällt mir. Zudem ein interessantes Layout, linke Seite jeweils auf Räteromanisch, rechte Seite auf Deutsch.
Dann über einen Bericht der SF Kulturabteilung gestolpert, sie haben Camenisch besucht in den Bergen. Er erzählt und zerlegt dabei Holz mit der Axt. Dann sagt er:

Schreiben ist wie Holzhacken. Du musst zuerst mal genau hinschauen und verstehen, welche Art von Holz du vor dir hast, wie die Fasern verlaufen. Kannst nicht einfach nur draufhauen.

Schöne Analogie. Er spricht auf Schweizerdeutsch und sagt natürlich nicht draufhauen, sondern drybrätsche. Grosses Sprachkino.

Frühling der Barbaren

Auf Empfehlung von Mike habe ich die Novelle Frühling der Barbaren von Jonas Lüscher gelesen.

Inhalt (Buchumschlag):

Der Schweizer Fabrikerbe Preising wird in einem tunesischen Oasenresort zur Hochzeit reicher, junger Engländer aus der Londoner Finanzwelt eingeladen. Während die Festgesellschaft sich in ihren Betten noch von den Strapazen des ausschweifenden Festes erholt, verkündet England den Staatsbankrott. Und mit gesperrten Kreditkarten, in der Wüste gestrandet, plötzlich überschuldet und arbeitslos geworden, scheint es nur ein kurzer Schritt zurück in die Barbarei.

Ich habe bereits mehrfach betont, dass mir die Sprache eines Buches oft wichtiger ist als die Handlung. Lüscher wurde für seinen abgehobenen Stil und seine teilweise altertümlichen Formulierungen kritisiert, aber ich mag sein Sprache.

Das Buch ist leicht, schnell, witzig und die Handlung ist bisweilen absurd. Das gefällt mir. Wir feiern die Absurdität viel zu selten, obwohl sie uns jeden Tag umgibt. Und natürlich immer vorne dabei, wer sich über die Banker lustig macht.

Ulysses: Schwerstarbeit

Vor Kurzem habe ich beiläufig erwähnt, dass ich drei mal vergeblich versucht habe, Ulysses zu lesen (ähnliches widerfuhr mir mit dem Zauberberg, aber da habe ich mich verbissen durchgekämpft). Jedenfalls lese ich nun in einem alten NZZ am Sonntag Heftli, Weltliteratur – Klassiker kompakt, Ausgabe Nr. 10 – Ulysses:

Auch heute noch gilt: Das Buch ist ein intellektuelles Vergnügen für literarisch gebildete Leser – aber Schwerstarbeit für alle anderen.

Ich weiss genau, was er meint, trotzdem ein Schlag ins Gesicht.

Der letzte Versuch liegt ungefähr 10 Jahre zurück, aber ich befürchte, dass ich immer noch nicht so weit bin.

Es bleibt ein Lebensziel.

Die wichtigsten Bücher seit meiner Jugend

Die wichtigsten Bücher meiner Jugend habe ich vor kurzem vorgestellt. Hier nun einige Romane, die später hinzukamen:

  • 2666 – Roberto Bolano
    Sein Meisterwerk. Danach so ziemlich alles von ihm gelesen. Südamerikanisches Genie.
  • Brüder – Hua Yu
    Anhand der Lebensgeschichten zweier ungleicher Brüder wird der Leser durch die jüngere chinesische Vergangenheit geführt.
  • Rohstoff – Jörg Fauser
    Absoluter Geheimtipp. Tragisch und unglaublich witzig zugleich. Auch Das Schlangenmaul ist glänzend, aber Rohstoff ist besser.
  • Die Wohlgesinnten – Jonathan Littell
    Alle Gräuel des zweiten Weltkrieges aus der Perspektive eines SS Offiziers. Monumental, aber schwere Kost.
  • Roman eines Schicksallosen – Imre Kertész
    Wieder der zweite Weltkrieg, aber diesmal die Erinnerungen aus dem Konzentrationslager Buchenwald, mit kindlicher Naivität erzählt. Welcher Grösse es bedarf, seine Geschichte in dieser Form niederschreiben zu können. Chapeau.

Ulysses von James Joyce soll nicht unerwähnt bleiben. Drei mal begonnen zu lesen, drei mal gescheitert. Aber ich werde es wieder versuchen.

Unendlicher Spass von David Foster Wallace steht seit Jahren mahnend im Bücherregal.

Und auch mal einen Proust zu Ende lesen. Das wäre schön.

Es bleibt noch viel zu tun.

Die wichtigsten Bücher meiner Jugend

Über Weihnachten weile ich bei meinen Eltern. In einem Zimmer steht ein Bücherregal, in dem die wichtigsten Romane meiner Jugend versammelt sind (keines davon war Schullektüre). Die Reihenfolge ist nicht als Rangliste zu verstehen, aber Hundert Jahre Einsamkeit vereint alles, was ich in einem Roman vorfinden will: Leben, Tod, Liebe und vor allem eine bezaubernde, tiefe, mitreissende Sprache.

  • Hundert Jahre Einsamkeit – Gabriel Garcia Marquez
    Beginnend mit diesem Buch habe ich alles von Marquez gelesen. Magischer Realismus. Wahrscheinlich bis zum heutigen Tag das beste Buch, das ich jemals gelesen habe.
  • Der Fänger im Roggen – J. D. Salinger
    Muss jeder Heranwachsende gelesen haben
  • Schuld und Sühne – Fjodor Dostojewski
    Hat die Dostojewski-Phase eingeleitet. Dostojewski war einer der grössten der Geschichte, kein Zweifel. Die Brüder Karamasow sind noch aussehend.
  • Der alte Mann und das Meer – Ernest Hemingway
    Hemingway ist der König des minimalistischen Schreibstils, und trotzdem von einer unglaublichen Klarheit.
  • Reise ans Ende der Nacht – Louis-Ferdinand Céline
    Die Wirren des ersten Weltkrieges. Céline muss ein schrecklicher Mensch gewesen sein, aber das Buch ist grossartig.
  • Die Asche meiner Mutter – Frank McCourt
    Schreckliche Kindheit, unfassbar humorvoll beschrieben. Selten so viel gelacht, obwohl das Erzählte tragisch ist.
  • Das Salz der Erde – Jozef Wittlin
    Ein weiteres Buch des ersten Weltkrieges. Der Handlung kann ich mich nicht mehr entsinnen, aber die Sprache war mächtig. Muss ich wieder mal lesen.
  • Faserland – Christian Kracht
    Der erste Popliteratur-Roman, den ich jemals gelesen habe. Folgender Satz auf den ersten Seiten hat mich nie ganz losgelassen: Der Hund kackt komischerweise halb im Stehen, und ich kann genau erkennen, wie ein Viertel der Wurst an seinem Hintern klebenbleibt.
  • Die Entdeckung des Himmels – Harry Mulisch
    Haben viele meiner Schulkollegen gelesen. Lag damals im Trend. Der Autor beeindruckte mit unerschöpflichem Wissen zu ziemlich allen Themen. Und dann war da noch was mit einer Dreiecksbeziehung, hochinteressant für einen staunenden Jugendlichen.

Es gab noch andere Bücher, natürlich, denn es kann nie genug Bücher geben, aber diese haben bleibende Eindrücke hinterlassen.

Gelesen: Arbeit und Struktur

Bereits darüber geschrieben, einige Monate lag es auf meinem Bücherstapel, jetzt habe ich es gelesen. Als Wolfgang Herrndorf von seinem Glioblastom (Hirntumor) erfuhr, stürzte er sich in die Arbeit und vollendete zwei Romane (Tschick, Sand), an denen er zuvor jahrelang gewerkelt hatte, ohne zu einem Ende zu gelangen, weil er teilweise monatelang nach der richtigen Formulierung einzelner Sätze suchte. Jetzt musste er schneller schreiben, schneller entscheiden. Wenn die Endlichkeit an die Tür klopft, sind Menschen zu grossen Taten fähig.

Die letzten drei Jahre seines Lebens und damit die Entstehung von Tschick und Sand, hat er in einem Blog beschrieben, der nun als Buch veröffentlicht wurde: Arbeit und Struktur.

Im Nachwort, das Herrndorf nicht mehr selber schreiben konnte, wird auf Wunsch des Autors genau erläutert, wie er sich umgebracht hat, denn

Das hat mich so viele Wochen so ungeheuer beunruhigt, keine exakten Informationen zu haben.

Ende des Nachworts:

Herrndorfs Persönlichkeit hatte sich durch die Krankheit nicht verändert, aber seine Koordination und räumliche Orientierung waren gegen Ende beeinträchtigt. Es dürfte einer der letzten Tage gewesen sein, an denen er noch zu der Tat imstande war.

Herrndorf hat sich wiederholt über die Esoteriker, Heilpraktiker und Ärzte lustig gemacht, die mit teilweise absurden Behandlungsmethoden oder Diäten an ihn herangetreten sind. Er hatte einen anderen Plan.

Ich schlafe mit der Waffe in der Faust, ein sicherer Halt, als habe jemand einen Griff an die Realität geschraubt.

Arbeit und Struktur

Am Bahnhof in Bern das Buch Arbeit und Struktur von Wolfgang Herrndorf gekauft. Herrndorf war 2010 an Krebs erkrankt. Er begann einen Tagebuchblog zu schreiben, der in Form dieses Buches posthum erschienen ist. Darin beschreibt er unter anderem die Arbeit an seinem späteren Besteller Tschick. Ich kaufe selten Bücher im Bahnhofkiosk, weil meistens doch eher lau, aber ich blätterte in Arbeit und Struktur und stolperte zufällig über diesen Tagebucheintrag:

13.3.2010 11:00

Gib mir ein Jahr, Herrgott, an den ich nicht glaube, und ich werde fertig mit allem. (geweint)

Sein Wunsch wurde erhört, der Herrgott hat ihm noch drei Jahre geschenkt, die Herrndorf in ein wahres Produktivitätsfeuerwerk verwandelte: er hat nicht nur Tschick, sondern auch den Roman Sand veröffentlicht (für den er den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hat). Kreativität unter Einschränkungen. Erstaunlich, was ein Mensch zu erschaffen im Stande ist.

Im August 2013 drohte Herrndorf seine Sprache zu verlieren. Er beschloss, dass es an der Zeit ist, zu gehen.

Ein ganzes Leben

Ein ganzes Leben ist die Geschichte des Andreas Egger, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts als junger Knabe in ein österreichisches Tal kommt, in dem er sein gesamtes Leben verbringen wird. Er ist der Knecht eines Bauern, der ihn halb tot schlägt. Er beisst sich durch. Als die Elektrizität und mit ihr der Tourismus ins Tal strömen, ist er am Bau der ersten Bergbahnen beteiligt. Er übernimmt die gefährlichen Arbeiten am Berg, wo sie reihenweise in den Tod stürzen.

Nur einmal verlässt er das Tal, als er in den Krieg zieht. Natürlich verschlägt es ihn an der Ostfront, natürlich nach Stalingrad. Er gerät in Kriegsgefangenschaft und überlebt.

Die Liebe seines Lebens heisst Marie.

Schliesslich wird er Bergführer und hat ein hartes, unaufgeregtes, einfaches, entbehrungsreiches Leben geführt, das nicht viele ertragen hätten. Am Ende blickt er zurück:

Soweit er wusste, hatte er keine nennenswerte Schuld auf sich geladen, und er war den Verlockungen der Welt, der Sauferei, der Hurerei und der Völlerei, nie verfallen. Er hatte ein Haus gebaut, hatte in unzähligen Betten, in Ställen, auf Laderampen und ein paar Nächte sogar in einer russischen Holzkiste geschlafen. Er hatte geliebt. Und er hatte eine Ahnung davon bekommen, wohin die Liebe führen konnte. Er hatte gesehen, wie ein paar Männer auf dem Mond herumspazierten. Er war nie in die Verlegenheit gekommen, an Gott zu glauben, und der Tod machte ihm keine Angst. Er konnte sich nicht erinnern, wo er hergekommen war, und letztendlich wusste er nicht, wohin er gehen würde. Doch auf die Zeit dazwischen, auf sein Leben, konnte er ohne Bedauern zurückblicken, mit einem abgerissenen Lachen und einem einzigen, grossen Staunen.

Ein leises, ein bewegendes Buch. Sehr empfehlenswert.

 

Brennerova

Die Sprache hat bereits darauf hingedeutet: der neue Brenner ist da. Brennerova. Die Handlung wie so oft Nebenschauplatz, aber die Sprache, ja was glaubst du denn. Grosses Kino Hilfsausdruck. Ab in den Bücherladen und kaufen. Den Wolf wird es freuen, denn seine Kasse klingt, aber ich sage zurecht klingelt sie, denn so wie der Wolf, so kann es kein anderer.

Jörg Fauser – Rohstoff

Vor einigen Monaten habe ich von Fausers Roman Der Schneemann berichtet. Gutes Buch, und doch war ich leise enttäuscht, hatte mir ein wenig mehr erhofft von diesem legendären Dichter. Deshalb nächsten Fauser-Roman auf den Kindle geladen, Rohstoff. Es ist die Geschichte des Anti-Helden Harry Gelb, der eigentlich Schriftsteller werden will, sich auf dem Weg dorthin durch das Leben wurstelt und dabei von einer Sucht in die nächste stolpert, von einem Absturz zum nächsten hangelt, von einer Sackgasse in die nächste wankt. Wunderbare einfache direkte Sprache. Der grösste deutsche Junkie-Roman. Das beste Buch, das ich seit langem gelesen habe. Perfekte Welt.