YB – Tottenham

August 17th, 2010

Heute wird in Bern das Hinspiel anlässlich der Champions League Qualifikation ausgetragen.

Aus dem Tagesanzeiger:

Einen originellen Versuch, YB zu beschreiben, wagt die Fussball-Website goal.com.
Aufgelistet werden «Zehn Dinge, die sie über Young Boys wissen müssen»:

  1. Sie haben ihre besten zwei Spieler aus der vergangenen Saison verloren.
  2. Sie sind seit fast einem Vierteljahrhundert nicht mehr Schweizer Meister geworden.
  3. Sie wurden dreimal nacheinander zweite.
  4. Sie haben es – erneut – vermasselt, am Wochenende zu gewinnen.
  5. Sie haben öfter am Europacup teilgenommen als Tottenham.
  6. Sie wurden zweimal von Engländern trainiert.
  7. Sie spielen 3-4-3.
  8. Man spricht es «e-bay» aus.
  9. Ihr Stadion heisst Stade de Suisse.
  10. Sie gingen 1999 beinahe Konkurs.

Update: YB hat sich wacker geschlagen und das Heimspiel mit 3:2 gewonnen. Nach 30 Minuten führten sie mit 3:0. Es wird schwer werden nächste Woche an der White Hart Lane zu London, aber die Hoffnung lebt.

Die Roten und der grosse Plan

August 17th, 2010

Hannover 96 Fan sein heisst Optimist sein. Heisst leidensfähig sein. Sich nicht unterkriegen lassen, egal wie ausweglos die Lage auch sein mag. Kopf hoch und weiter, irgendwie schaffen wir es immer.
Solcherlei Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich am Samstag Abend via Live-Ticker den Auftritt der Roten beim SV Elversberg in der 1. Runde des DFB-Pokals mitverfolgt habe. Elversberg liegt unweit von Saarbrücken an der französischen Grenze und die Mannschaft spielt in der 4. Liga. Ihre Heimspiele tragen sie im Waldstadion an der Kaiserlinde aus. In Schweizer Verhältnisse übersetzt spielte also ein Super League Club gegen eine 2. Liga Inter Truppe. Profis gegen Amateure.
Nach 120 Minuten stand es immer noch 0:0, nachdem die Roten reihenweise beste Chancen vergeben hatten. Das Elfmeterschiessen allerdings entschied Elversberg mit 5:4 für sich (Mikael Forssell hatte als einziger Schütze nicht verwandelt).
Jetzt höre ich schon wieder den Aufschrei in der Presse, die ersten Untergangsapostel melden sich zu Wort und schreien: Chancenlos! Sicherer Abstiegskandidat! Doch ich sage: Falsch! Das genaue Gegenteil ist der Fall.
Ich habe lange über diese Niederlage nachgedacht und ich bin zu folgendem Schluss gekommen: kein Grund zur Beunruhigung, diese Blamage muss Teil eines grossen Plans sein, den sich Mirko Slomka ausgedacht hat, sprich man will die Konkurrenz in Sicherheit wiegen, denn die anderen denken jetzt natürlich: haha, gegen einen 4.Ligisten ausgeschieden, die putzen wir doch locker weg. Und dann werden die Roten eiskalt zuschlagen, bevor das Gelächter verstummt ist. Wie der angeschossene Löwe, der doppelt so gefährlich ist, obwohl schlechter Vergleich, denn von angeschossen kann bei den Roten überhaupt nicht die Rede sein. Eher wie das gefrässige Krokodil, das im stillen Gewässer liegt, bis eine liebliche Gazelle auftaucht und denkt: Oh, welch ruhiger Fluss, da trinke ich doch schnell einen Schluck Wasser. Aber dann natürlich das Krokodil. Und Feierabend.
Jetzt pass auf: das Krokodil, das sind die Roten. Die Gazelle, das sind alle anderen.
Das ist der grosse Plan. Wenn alle Rädchen ineinander greifen und die hochkomplexe Maschine immer gut geölt wird, dann kann nichts schief gehen.
Das Buffet wird nächsten Samstag eröffnet. Eintracht Frankfurt steht auf der Speisekarte.

Spaghettisauce

August 17th, 2010

Klaus hat mir folgendes Rezept verraten, über das er in einer italienischen Universitäts-Mensa gestolpert ist. Es handelt sich um eine simple leckere Pastasauce.
Alles was man dazu braucht ist ein Glas Tomatensauce und ein Glas Pestosauce. Man bereite die Pasta zu (Wasser, Salz rein, Pasta rein, warten bis al dente), dann gebe man die Tomatensauce und die Pestosauce im Verhältnis 4:1 hinzu und vermenge alles. Fertig.

Wikileaks Lebensversicherung

August 16th, 2010

Die Internet-Plattform Wikileaks hat sich vor einigen Wochen ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit gerückt, als sie die sogenannten Afghanisten Kriegstagebücher veröffentlicht hat: 77′000 als geheim eingestufte Dokumente aus amerikanischen Militär-Datenbanken, die Rechenschaft über den alltäglichen Wahnsinn des Kriegs am Hindukusch ablegen, wurden dem interessierten Publikum zugänglich gemacht.
Wikileaks wurde gebaut, um Dokumente, welche von gesellschaftlicher Bedeutung sind, aber derselben vorenthalten werden, anonym zu veröffentlichen. Eine Quelle lädt die Unterlagen auf die Plattform, dort werden sie begutachtet, auf Echtheit überprüft und gegebenfalls angepasst, so dass mögliche Informanten und Unbeteiligte geschützt werden. Danach werden die Dokumente veröffentlicht.
Die Plattform wurde so entworfen, dass keine veröffentlichten Dokumente gelöscht werden können (auch von Wikileaks-Mitarbeitern nicht) und dass die Quelle nicht zurückverfolgt werden kann (auch von Wikileaks-Mitarbeitern nicht). Treibende Kraft hinter diesem Projekt ist der australische Hacker Julian Assange, der sich als Jugendlicher einen Spass daraus gemacht hat, in Computersysteme von Unternehmen und Regierungen einzudringen. Unter anderem soll er sich bei der NASA eingeklinkt und ein wenig Schabernack getrieben haben.
Neben den bereits veröffentlichten 77′000 sollen weitere 15′000 Seiten der Afghanisten Tagebücher in Kürze publiziert werden. Die US-Regierung ist darüber nicht erfreut. Sie fürchtet, dass ihre Soldaten und ihre afghanischen Informanten mit der Veröffentlichung einem erheblichen Risiko ausgesetzt werden. Deshalb hat sie den Betreibern von Wikileaks gedroht. Es wurde gemunkelt, dass die Wikileaks-Server mittels eines DDoS Angriffs in die Knie gezwungen werden sollen. Das bedeutet, dass ein sogenanntes Bot-Netz (ein Verbund tausender von Computern) dazu verwendet wird, die Server mit Anfragen zuzumüllen, bis diese unter der generierten Datenlast zusammenbrechen. Wikileaks wäre damit unerreichbar; aus dem Internet entfernt.
Die Antwort der Betreiber hat nicht lange auf sich warten lassen. Vor einigen Tagen haben sie eine 1.4 GB Datei mit dem Namen insurance.aes256 auf der Torrent-Plattform piratebay.org platziert. Diese Datei wurde unterdessen von Dutzenden von Menschen überall auf der Welt runtergeladen. Die Idee ist ziemlich clever: insurance.aes256 ist eine verschlüsselte Datei. Die Endung der Datei (aes256) gibt einen Hinweis auf das verwendete Verschlüsselungsverfahren: Advanced Encryption Standard (AES) ist ein bis heute unbesiegter symmetrischer Verschlüsselungsalgorithmus. Symmetrisch bedeutet, dass es einen einzigen Schlüssel gibt, mit dem die Datei sowohl verschlüsselt als auch entschlüsselt wird.
Was hat Wikileaks nun getan? Sie haben vermutlich alle ihre Afghanistan-Datenbanken (weit mehr als die bisherigen 92′000 Dokumente, mit teilweise hochgeheimem Inhalt) in eine Datei verpackt und diese mit AES-256 verschlüsselt. Das ist insurance.aes256. Ohne den Schlüssel ein völlig wertloser Datenhaufen, aber sollte die US-Regierung Wikileaks niederwalzen, genügt ein simpler Tweet mit dem Schlüssel, um die Bombe hochgehen zu lassen. Dann können all die Leute, die sich insurance.aes256 runtergeladen haben, das Geheimnis des Datenhaufens lüften.
Nette Idee, nicht? Das nennt man wohl einen gepflegten Konter fahren.

Reise nach Mannheim

August 14th, 2010

Andrei und Klaus haben bei einem freitäglichen Stammtisch berichtet, dass sie vor einiger Zeit nach Mannheim gereist sind, um sich im türkischen Viertel mit Fleisch- und Dessert-Spezialitäten vollzustopfen. Grossartig sei es gewesen und eine Wiederholung sei durchaus angezeigt. Nach Wochen der Terminabsprache fuhren wir am Samstag vor dem Sommerurlaub im Zug nach Mannheim, um uns türkische Speisen einzuverleiben. Laure konnte sich uns nicht anschliessen, also nur wir drei: ein Österreicher, ein Rumäne und ein Schweizer unterwegs in Mannheim, lustige Truppe.
Erste Station war Türk Sofrasi Ocakbasi, ein Speiselokal im (so weit ich das beurteilen konnte) traditionell türkischen Stil. Viel Fleisch auf der Speisekarte und den grössten Teller bestellten wir dann auch. Es wurde Fladenbrot gereicht und dazu leckere Pasten, bevor der Hauptgang serviert wurde: Fleischspiesse auf Fleisch, daneben ein Häufchen Salat. So muss es sein. Während wir uns durch den Fleischberg kämpften, tranken wir ein Getränk, das den Namen Ayran trägt, eine Art wässriger gesalzener Joghurt, passt ganz hervorragend zum würzigen Fleischgericht.
Ich sank pappsatt in meinen Stuhl zurück, während Andrei und Klaus kritisch anmerkten, dass das Essen zwar hervorragend geschmeckt habe, dass Konkurrent Oltu in der anderen Strasse aber weitaus grössere Portionen ausgebe. Ungläubig schüttelte ich den Kopf. Kann nicht sein.
Nach einem kurzen Verdauungsspaziergang von ungefähr 200 Metern gelangten wir zu Taksim Baklava, einem türkischen Konfiseur. Ihr kennt das vielleicht: Baklava ist dieses Gebäck aus Blätter- bzw. Filoteig, gefüllt mit gehackten Walnüssen, Mandeln oder Pistazien. Solange es noch heiß ist, wird es in Sirup eingelegt, der aus Honig, Zucker, Gewürzen und Rosenwasser besteht, und dann in Rautenform geschnitten. Klassischer Begleiter eines Baklava-Desserts ist starker, schwarzer Mokka, da seine Bitterkeit wohltuend mit der Süße des Baklava kontrastiert (Quelle: Wikipedia).
Taksim stellt dieses Gebäck sowie andere türkische Spezialitäten seit 1979 her und man muss sagen: die verstehen ihr Handwerk. Jeder von uns stellte sich einen Karton mit 9-12 Baklava zusammen, Walnuss, Kokos, Pistache, Schokolade, alles dabei. Dann spazierten wir zu einem nahen Park, setzten und auf eine Bank und begannen zu schlemmen. Das erstaunliche am Taksim-Karton ist sein Gewicht. Du hast da deine 10 Baklava, kleine unscheinbare Blätterteiggebäcke, nicht der Rede wert denkst du, aber der Karton, er wiegt schwer: gefühlte 2kg, obwohl du genau weisst: da sind nur ein Dutzend Baklava drin. Unglaublich. Und unglaublich schmeckt auch das Gebäck, süss Hilfsausdruck. Du isst ein Stück, nimmst einen Schluck Coca-Cola und denkst: ist da kein Zucker drin? Die Baklava sind so süss, da verblasst sogar die Cola.
Wir haben uns nach diesem königlichen Mahl in ein Strassencafé gesetzt, etwas getrunken und uns über dieses und jenes unterhalten, sprich Gott und die Welt. Langsam brach die Nacht über Mannheim herein und um Mitternacht machten wir uns eilig auf den Weg zum Bahnhof, um den letzten Zug nach Speyer zu erwischen.
Schön wars und es soll nicht das letzte Mal gewesen sein, dass wir Mannheim besuchen. Beim nächsten Ausflug steht Oltu auf dem Programm, der ultimative Vergleich zu Türk Sofrasi Ocakbasi und danach wieder ein kleiner Abstecher zu Taksim, denn an dem führt kein Weg vorbei.

Trans-Amerika

August 12th, 2010

Ein Buch, das mir Ninja vor einigen Tagen geschenkt hat und das ich ohne Umschweife begann zu lesen, obwohl das chinesische Epos Brüder seit Wochen ganz oben auf meiner Nicht-Computer-Liste steht. Denn ich habe ja immer zwei Listen: die Computer-Liste und die Nicht-Computer-Liste. Eigentlich lese ich lieber die Romane auf der Nicht-Computer-Liste, aber solange ich kein guter Software-Ingenieur bin, muss ich weiterhin Computer-Bücher lesen, um die Seele des Rechenautomaten, seinen Kern(el) zu ergründen. Muss sein.
Nun, das Buch Trans-Amerika von Tom McNab schildert den Transamerikalauf von 1928, eine Laufveranstaltung über 5000km (!) von Los Angeles nach New York. Den Lauf gabs wirklich, allerdings hat der Autor ihn drei Jahre später stattfinden lassen, zur Zeit der grossen Depression. Macht die Sache interessanter. Die beschriebenen Läufer und die Ereignisse rund um den Lauf sind wahrscheinlich allesamt frei erfunden, zu bunt die Geschichten, aber durchaus eine spannende Lektüre, denn es wird nicht nur gelaufen, sondern auch allerlei anderes geboten: Boxkämpfe, Glücksspiele, Krawalle, Menschen die gegen Pferde sprinten und und und. Was mich am meisten gestört hat: die Guten gewinnen immer. Es gibt Gefahren, aber keine Katastrophen, und zum Schluss werden alle Freunde. Bisschen viel heile Welt für meinen Geschmack, zu viel gute Laune, wo bleibt denn der Schmerz des Lebens, die Niederlagen, die Tragödien? Andererseits: kann auch nicht schaden, wenn das Leben zur Abwechslung mal ein Ponyhof ist.

In der Hitze des Südens

August 12th, 2010

Seit 10 Tagen weile ich mit Laure in den Sommerferien. Wie schon in den vergangenen Jahren sind wir zu Laures Oma in die Provence gefahren, sprich französische Südküste.
Die Sonne scheint, das Leben plätschert gemütlich vor sich hin, langsam bekomme ich die französische Sprache wieder besser in den Griff (insbesondere meinen alten Feind, die Zeiten: Présent, Imparfait, Futur, Conditionnel, Subjonctif) und bei den regelmässigen Apéros vor dem Abendessen fliesst der Champagner in Strömen, denn du darfst eines nicht vergessen: Laures Oma wurde in der Bretagne geboren, lebte aber lange in der Champagne, weshalb auch in der tiefsten Provence stets für reichlich Champagner gesorgt ist.
Die Temperaturen bewegen sich jenseits der von mir geforderten 25 Grad, irgendwo zwischen 30 und 40. Zum Glück gibt es Nachbar René mit seinem Swimmingpool, in den man sich von Zeit zu Zeit werfen kann, wenn die hohen Temperaturen allzu schwer auf dem Körper lasten. Oder mit dem Auto ans Meer fahren, am Morgen oder am Abend, wenn Temperaturen und Menschenmassen sich im erträglichen Rahmen halten. Aber natürlich alles Luxusprobleme, frage nicht, dessen bin ich mir vollkommen bewusst.
Auch dieses Jahr wird mir wieder vor Augen geführt, wovon ich schon oft berichtet habe: die Franzosen wissen zu leben. Man nennt das hier savoir vivre und das bedeutet: gut essen, gut trinken, nicht hetzen, locker bleiben. Man kann durchaus von paradiesischen Zuständen sprechen.
Ich werde dieser Zeit nachtrauen, wenn sie vorüber ist, das weiss ich schon jetzt. Bitterlich werde ich weinen, bitterlich. Aber jetzt ist jetzt und alles ist gut.
Mein Blog-Ferien-Ziel war es, einige Ereignisse aus der nahen Vergangenheit, die ich in den letzten Wochen versäumt habe zu besprechen, in diesen Wochen aufzuarbeiten. Mit anderen Worten: es sollte Blog-Einträge hageln, dass es nur so kracht; mit Wortwitz und alles. Obwohl ich bereits weit hinter meinen ambitiösen Vorgaben zurückliege, werde ich mir alle Mühe geben, dann und wann was ins Internet zu stellen, wenn mir was einfällt, das in die Welt geschrien werden muss.

Zwei Legenden begegnen sich in Montreux

July 31st, 2010

Ihr erinnert euch gewiss an DJ Stiffy, von dem folgende legendäre Aussage überliefert ist:

Man muss nicht meinen, sagt DJ Stiffy, dass in jedem Jahr ein gutes Lied geschrieben wird auf Erden. Es gab “Highway to hell”. Es gab “The final countdown” von Europe. Es gab “Major Tom” von Peter Schilling, Neue Deutsche Welle. Seither ist eigentlich nicht mehr viel dazugekommen.

Die gesamte Musikgeschichte in fünf Sätzen zusammengefasst. Ein Gigant, ein Vertreter der reinen Lehre.
Eine andere Legende habe ich vor nicht allzu langer Zeit in einem Post über das Gurtenfestival 2010 beschrieben: Pete Doherty, Enfant terrible der Welt und Chef der Band Babyshambles.
Jetzt folgendes Bild in der Zeitung Sonntag: DJ Stiffy meets Pete Doherty.

Die beiden Grössten laufen sich in Montreux zufällig über den Weg. Endlich, ist man versucht zu sagen. Sie scheinen sich auch ganz gut zu verstehen. Pete soll DJ Stiffy Komplimente für seinen Anzug gemacht haben. Ihr seht also: man begegnet sich auf Augenhöhe.

p.s. Die Credits für das Bild gehen an meine Schwester

Gurten 2010

July 26th, 2010

Am Anfang stand ein Missgeschick, das mich die Teilnahme am Konzert der Punk-Band Bad Religion kostete, die nichts geringeres als die Helden meiner Jugend sind. Aber es hätte weitaus schlimmer kommen können. Für einen Augenblick war meine Anwesenheit auf dem Gurten gefährdet. Aber der Reihe nach.
Als ich die KEYMILE Headquarters in Bern-Liebefeld verliess, habe ich das Gurten-Ticket für den Donnerstag in meiner Hosentasche verstaut. Auf dem Weg zur Haltestelle nahte ein Bus, also bin ich mit Luca losgerannt, um ebendiesen zu erwischen. Was uns auch gelang. Beim Hirschengraben setzte ich mich in ein 9er Tram Richtung Wabern. Einige Stationen später stellte ich fest, dass das Ticket verschwunden war. Entweder verloren oder gestohlen, wobei ich angesichts des Sprints zum Bus eher auf ersteres tippte. Bisschen hin und her überlegt, dann zurück zum Hirschengraben und wieder rein in den Bus, andere Richtung, zurück nach Liebefeld. Im Bus klingelte mein Handy. Eine KEYMILE Nummer. Jetzt pass auf: Role der Buchhalter hat das Ticket bei der Busstation gefunden, spazierte zurück zum Arbeitsplatz, tippte die Adresse auf dem Ticket im Internet ein, fand eine Telefonnummer, rief dort an, bekam meine Handynummer und rief mich an. Voila. Ihr seht: Role ist ein feiner Kerl und denkt auch noch mit (was man in dieser Kombination eher selten antrifft).
Das Konzert von Dr. Greg Graffin habe ich nicht mehr miterlebt, die gewaltige Menschenwalze vor dem Gurtenbähnli hat meine letzten Hoffnungen zerschlagen, aber ich will nicht klagen, schliesslich habe ich es allein Role zu verdanken, dass ich überhaupt noch was zu sehen bekam.
Oben auf dem Berg angekommen tat ich, was ich beim Gurten-Festival immer zuerst tue: Eine kühle Ovomaltine bei Swissmilk neben der Hauptbühne holen. Es gibt nichts besseres, lasst euch nicht von diesem Alkohol-Gerede irritieren. Dann ein wenig rumgeschlendert, prinzipiell alles beim alten, hie und da ein neues Zelt, das wars. Wetter bestens, Stimmung friedlich und da zeigten sich direkt die Vorteile des ersten Festivaltages: (1) Leute noch nicht sturzbetrunken, (2) auch wenn es regnen würde, wäre der Boden noch nicht hin und (3) Donnerstag immer die guten englischen Bands am Start, sprich Babyshambles.
Dann das erste Konzert: Blood Red Shoes, eine 2-köpfige Band aus Brighton auf der Zeltbühne: er an den Drums, sie an der Gitarre, beide singen. Geradlinige Songs, wie früher Kurt Cobain, hat was, vermag zu gefallen. Danach geht es weiter auf auf der Hauptbühne, zuvor aber kurzer Abstecher zum Migros Take-away, Pommes Frites mitnehmen. Auf der Hauptbühne eine Band, von der ich noch nie gehört habe: Empire of the Sun. Da muss ich jetzt sagen: nicht so schlimm, dass mir die noch nie über den Weg gelaufen sind, verpasst habe ich nicht viel. Im Programm-Heftli steht: geschmeidiger Synthie-Pop. Der Sänger trug ein bemerkenswertes Kostüm, ansonsten kann ich mich nicht mehr an allzu viel erinnern. Zum Glück stand plötzlich Fridu (= Arbeitskollege) neben mir. Wir schlossen uns kurzerhand zu einer Festivalgemeinschaft zusammen. Fridu ist Gurten-Veteran und war mit einem 4-Tages-Pass unterwegs, frage nicht.
Nach Empire of the Sun wieder zur Zeltbühne, Jet warten. Von dieser Band habe ich eine Platte zu Hause und auf dieser Platte gibt es ein berühmtes Lied. Alle Zuschauer unter dem Zelt warteten nun auf genau diesen einen Song. Das muss auch den Bandmitgliedern klar gewesen sein und irgendwann in der Mitte liessen sie die Katze aus dem Sack, sprich: Are you gonna be my girl? Jet haben sich redlich bemüht und ein anständiges Konzert abgeliefert mit Zugabe und alles. Gegen 23:15 hat man aber langsam gemerkt, die Leute werden unruhig, die Reihen lichteten sich, die Menschen strömten wieder zur Hauptbühne, um den Verrückten zu sehen: die Babyshambles lassen es krachen. Vorneweg natürlich der unverwüstliche Pete Doherty und ich muss sagen: selten hat jemand seinen Niedergang vor den Augen der Welt so gekonnt inszeniert wie dieser unscheinbare Junge aus England, Bezirk Northumberland, Gemeinde Hexham. Schnell wurde klar: Pete ist anders als die anderen. Ganz anders. Er stolperte und torkelte über die Bühne, klimperte ein wenig auf seiner Gitarre, seine Kollegen versuchten seine musikalischen Ausbrüche zu begleiten. Es gelang ihnen nicht immer. Zu Beginn des Konzerts standen sie alle zusammen, strichen über ihre Saiten, spielten die Instrumente ein wenig ein, rauchten und tranken. Dann gings irgendwann los. Alles ziemlich konzeptfrei, aber Pete hangelte sich von Song zu Song. Manchmal genehmigte er sich einen Schluck aus einer seltsamen Glaskaraffe, in die er von Zeit zu Zeit eine Flüssigkeit nachfüllte. Es war faszinierend und traurig zugleich, diesen Burschen auf der Bühne stehen zu sehen. Faszinierend deshalb, weil Doherty wirklich Talent hat, mehr als die meisten anderen. Traurig deshalb, weil er dieses Talent verschwendet, aus dem Fenster wirft, und weil sein Ende absehbar ist, wenn er in diesem Stil weiterlebt. Er schien sich vor unseren Augen aufzulösen. Die Babyshambles beschlossen ihr denkwürdiges Konzert mit dem Song Fuck Forever, nicht ohne vorher dem Publikum mitzuteilen: “Well, you’ve been a terrible audience, I have to say that.”
Fridu zog danach noch weiter zu Choc Quib Town, einer kolumbianischen Band. Es soll ein ausgezeichnetes Konzert gewesen sein. Ich hingegen war müde und machte mich auf den Heimweg.
Wenn man nachts auf dem Gurten steht, dann ist Bern ein einziges Lichtermeer. Ich stieg in die Gurtenbahn, die mich hinab trug, in dieses sanfte Licht.

Noah Kalina: everyday

July 25th, 2010

Noah Kalina fertigte während 6 Jahren jeden Tag mit seiner Webcam ein Bild von sich selber an und bastelte daraus ein Video.
Das Ergebnis: