Archive for the ‘Leben’ Category

GP von Bern 2010

Friday, August 20th, 2010

Im Vollbesitz meiner physischen und psychischen Kräfte schickte ich mich auch dieses Jahr an, die 10 Meilen durch die Berner Altstadt und das angrenzende Umland zu laufen. Es war ein heisser Tag, die Hitze ruhte schwer auf meinen Schultern und ich befürchtete zurecht, dass es härter werden würde als im Jahr zuvor.
Am Vorabend des Rennens holte ich die Startnummer und liess mir im Asics-Zelt ein Plastik-Armband mit den Zwischenzeiten drucken, die mich zu 1:13:00 führen sollten.
Am nächsten Tag stieg ich zuversichtlich und beschwingt ins Rennen, doch bereits bei der Marke nach 5km lag ich hoffnungslos hinter der Vorgabe zurück: statt der geforderten 21:30 hatte ich 26:00 für die ersten 5km benötigt, was mich doch erheblich verwirrte, denn so langsam schien ich nicht zu laufen. Wie sich später zeigen sollte, war etwas mit der Anzeige nicht in Ordnung, aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Da ich sowieso am liebsten nach Gefühl und nicht nach Zeitvorgaben laufe, entfernte ich den stummen Pacemaker, liess ihn am Wegesrand zurück und verliess mich fortan auf meine Intuition. Wie sich bald zeigen sollte, blieb die Hitze nicht ohne Wirkung. Die Strecke erschien mir länger als die Jahre zuvor, ich sah mich gezwungen, mehr zu trinken und insbesondere Kilometer 11 und die letzte Meile schienen kein Ende zu nehmen. Dies ist umso tragischer, als besagte letzte Meile für einen KEYMILE Mitarbeiter von grosser Bedeutung ist, denn dem schnellsten KEYMILE-Läufer auf diesem finalen Teilstück werden Ruhm und Ehre zuteil.
Zum Glück stand der Mann mit dem Dudelsack wie gewohnt auf der Monbijou-Brücke und befrachtete mich mit Optimismus und neuer Hoffnung, die mich durch die Altstadt, beim Bundeshaus vorbei, runter zum Bärengraben und rauf zum Stade de Suisse trug. Ich warf mich ins Ziel, zugegebenermassen überaus erschöpft, und beendete das Rennen in 1:13:45, exakt 13 Sekunden langsamer als letztes Jahr. In Anbetracht der grossen Hitze und der beängstigend schlechten Zwischenzeiten ein durchaus erfreuliches Ergebnis.
Ich habe mir später meinen Zieleinlauf auf der GP-Internetplattform angeschaut. Es ist erstaunlich: wenn du da einläufst, hast du das Gefühl, dass du ziemlich allein bist. Na ja, der eine oder andere Läufer kommt auch noch mit dir ins Ziel, aber so viele sind es nicht. Wenn du dir das Video anschaust, stellst du fest, dass Dutzende, Hunderte Läufer dich begleiten, von Einsamkeit keine Spur. Diese Tatsache stimmt überhaupt nicht mit der subjektiven Wahrnehmung überein. Und dein Laufstil ist auch nicht so elegant, wie du dir das so vorstellst.
Nachdem ich die Medaille in Empfang genommen hatte, das isotonische Getränk gierig durch die ausgetrocknete Kehle rinnen liess und die Banana aufgegessen hatte, stellte ich mich im Garderobenzelt unter die Dusche, umgeben von dürren Leibern. Danach machte ich mich auf den Weg zum Softice-Verkäufer, von dem ich ich grosses Erdbeer-Eis erstand und sogleich verzehrte.
Danach setzte ich mich ins Tram, liess mich zum Bahnhof karren, kaufte ich paar Bratwürste (wobei sich mein Magen beinahe umdrehte, als ich vor der Fleischtheke stand) und gondelte im 10-er Tram zu Chrigu, der ein überaus gelungenes KEYMILE We-are-the-Champions-Feschtli schmiss. Die Nachbarn hatten einen Fernsehapparat auf den Balkon gestellt und so nahm ich peripher wahr, dass Diego Milito seinen Verein Inter Mailand zum Champions League Titel schoss.

p.s. Dieses Jahr konnte ich Chrigu noch zum 40 Sekunden distanzieren, aber er hat mächtig aufgeholt. Im ewigen Duell steht es jetzt 2:1 zu meinen Gunsten, aber ich kann seinen heissen Atem in meinen Nacken spüren. Nächstes Jahr werden wir uns im gleichen Startblock wiederfinden und diese Geschichte wird weitergeschrieben.

Edinburgh

Wednesday, August 18th, 2010

Ende Mai besuchte ich mit Laure meinen alten ETH-Weggefährten Adi in Edinburgh. Adi arbeitet als Post-Doc an der University of Edinburgh und seine Tätigkeit ist so kompliziert, dass ich sie hier nicht eingehend erläutern kann. Ich sage nur so viel: er hat herausgefunden, dass der Hund genetisch näher mit dem Mensch verwandt ist als die Maus.
Um es vorweg zu nehmen: das Wochenende war grossartig, und dies war vor allem ein Verdienst von Adi, Weltklasse-Gastgeber Hilfsausdruck. Er hat uns geduldig durch die Stadt geführt und alles erklärt, alles gezeigt, alles mit grossem Sachverstand erläutert, ein Freundeführer von seltener Qualität. Falls du das jemals liest: Danke schön.
Zu meinem Leidwesen befiel mich kurz nach der Ankunft eine grippeähnliche Erkrankung, welche mir einige Tage Halsschmerzen und einen pochenden Schädel bescherte (mögliche Ursachen: Wind, Regen). Die unermüdliche Arbeit der Pharma-Industrie sei hier lobend erwähnt, die mir den Aufenthalt in Edinburgh dank ihrer hocheffizienten Medikamente erheblich erleichtert hat.
Gemessen an meiner Besichtigungsträgheit haben wir erstaunlich viel gesehen und unternommen: Stadt in ihrer gesamten Länge und Breite durchwandert, Abstecher in die National Gallery, Burg besichtigt, Hausberg bestiegen, Bier im Pub getrunken, gefolgt von einem rauchigen Whiskey, in einem Restaurant mit Blick auf das Meer gesessen, beim besten Inder der Stadt gegessen.
Ein wichtiges Ziel habe ich bedauernswerterweise nicht erreicht: Golf spielen. Das wollte ich unbedingt. Doch als wir auf dem Golfplatz ankamen (ein sogenannter Pitch and Put inmitten der Stadt) stellten wir fest, dass man keine Schläger mieten konnte, sondern diese selber hätte mitbringen müssen. Also schauten wir den anderen ein wenig beim Golfen zu, ehe wir von dannen zogen.
Was immer wieder überrascht (um nicht zu sagen befremdet) ist die überaus offenherzige Bekleidung der Schottinnen am späteren Abend (bzw. die Abwesenheit derselben). Egal ob dick oder dünn, gross oder klein, hübsch oder hässlich, man zeigt, was man hat. Am besten grell leuchtend und auf Stöckelschuhen balancierend. Mit einem Wort: offensiv. Denn es stimmt natürlich: vorne werden die Tore geschossen.
Übernachtet haben wir bei George und Carole an der McDonald Road, unweit von Adis Wohnung. Bed & Breakfast mit gemütlichem Zimmer und reichhaltigem Frühstück (Sausage, Bacon, Tomatoes, Black Pudding, Scrambled Egg, Toast, Tea, Coffee, Orange Juice). Wenn du mal nach Edinburgh reist, dann bei Carole und George das Zelt aufschlagen, du wirst es nicht bereuen.
Eine lustige Geschichte, die uns Adi vor dem Schottischen Parlament erzählt hat, pass auf: die Schotten stimmten 1997 darüber ab, ob sie ein eigenes Parlament haben wollen, quasi partieller Abschied vom Königreich. Am Abend vor der Abstimmung soll in allen schottischen Kinos der Film Braveheart, der das Leben des schottischen Unabhängigkeitskämpfers William Wallace erzählt, gezeigt worden sein. Ein geschickter Schachzug. Die Abstimmung am folgenden Tag war reine Formsache.
Das Wochenende war viel zu schnell vorbei. Ehe wir uns versahen, sassen wir schon wieder im Bus, der uns zum Flughafen brachte. Dort setzten wir uns in ein Restaurant, assen ein letztes Sandwich und liessen das Wochenende im Geiste Revue passieren. Es war einer dieser magischen Augenblicke der Zufriedenheit, an einem fremden Ort, umgeben von nichts als Ruhe.
Hätte ich noch Geld übrig gehabt, ich hätte eine Flasche Schottischen Whisky gekauft. Aber da war nicht mehr viel. Alles, was mir noch blieb, waren vier mickrige Pfund, die ich in eine Schachtel Assorted Toffees investiert habe, die nach Aussagen meiner Eltern vorzüglich schmeckten.
Wir verliessen Edinburgh, als die Sonne schien und keine Wolke den Himmel trübte und von sehr Nahe sahen wir die alte unzerstörbare Eisenbahn- und die neue fragile Autobahnbrücke.

Reise nach Mannheim

Saturday, August 14th, 2010

Andrei und Klaus haben bei einem freitäglichen Stammtisch berichtet, dass sie vor einiger Zeit nach Mannheim gereist sind, um sich im türkischen Viertel mit Fleisch- und Dessert-Spezialitäten vollzustopfen. Grossartig sei es gewesen und eine Wiederholung sei durchaus angezeigt. Nach Wochen der Terminabsprache fuhren wir am Samstag vor dem Sommerurlaub im Zug nach Mannheim, um uns türkische Speisen einzuverleiben. Laure konnte sich uns nicht anschliessen, also nur wir drei: ein Österreicher, ein Rumäne und ein Schweizer unterwegs in Mannheim, lustige Truppe.
Erste Station war Türk Sofrasi Ocakbasi, ein Speiselokal im (so weit ich das beurteilen konnte) traditionell türkischen Stil. Viel Fleisch auf der Speisekarte und den grössten Teller bestellten wir dann auch. Es wurde Fladenbrot gereicht und dazu leckere Pasten, bevor der Hauptgang serviert wurde: Fleischspiesse auf Fleisch, daneben ein Häufchen Salat. So muss es sein. Während wir uns durch den Fleischberg kämpften, tranken wir ein Getränk, das den Namen Ayran trägt, eine Art wässriger gesalzener Joghurt, passt ganz hervorragend zum würzigen Fleischgericht.
Ich sank pappsatt in meinen Stuhl zurück, während Andrei und Klaus kritisch anmerkten, dass das Essen zwar hervorragend geschmeckt habe, dass Konkurrent Oltu in der anderen Strasse aber weitaus grössere Portionen ausgebe. Ungläubig schüttelte ich den Kopf. Kann nicht sein.
Nach einem kurzen Verdauungsspaziergang von ungefähr 200 Metern gelangten wir zu Taksim Baklava, einem türkischen Konfiseur. Ihr kennt das vielleicht: Baklava ist dieses Gebäck aus Blätter- bzw. Filoteig, gefüllt mit gehackten Walnüssen, Mandeln oder Pistazien. Solange es noch heiß ist, wird es in Sirup eingelegt, der aus Honig, Zucker, Gewürzen und Rosenwasser besteht, und dann in Rautenform geschnitten. Klassischer Begleiter eines Baklava-Desserts ist starker, schwarzer Mokka, da seine Bitterkeit wohltuend mit der Süße des Baklava kontrastiert (Quelle: Wikipedia).
Taksim stellt dieses Gebäck sowie andere türkische Spezialitäten seit 1979 her und man muss sagen: die verstehen ihr Handwerk. Jeder von uns stellte sich einen Karton mit 9-12 Baklava zusammen, Walnuss, Kokos, Pistache, Schokolade, alles dabei. Dann spazierten wir zu einem nahen Park, setzten und auf eine Bank und begannen zu schlemmen. Das erstaunliche am Taksim-Karton ist sein Gewicht. Du hast da deine 10 Baklava, kleine unscheinbare Blätterteiggebäcke, nicht der Rede wert denkst du, aber der Karton, er wiegt schwer: gefühlte 2kg, obwohl du genau weisst: da sind nur ein Dutzend Baklava drin. Unglaublich. Und unglaublich schmeckt auch das Gebäck, süss Hilfsausdruck. Du isst ein Stück, nimmst einen Schluck Coca-Cola und denkst: ist da kein Zucker drin? Die Baklava sind so süss, da verblasst sogar die Cola.
Wir haben uns nach diesem königlichen Mahl in ein Strassencafé gesetzt, etwas getrunken und uns über dieses und jenes unterhalten, sprich Gott und die Welt. Langsam brach die Nacht über Mannheim herein und um Mitternacht machten wir uns eilig auf den Weg zum Bahnhof, um den letzten Zug nach Speyer zu erwischen.
Schön wars und es soll nicht das letzte Mal gewesen sein, dass wir Mannheim besuchen. Beim nächsten Ausflug steht Oltu auf dem Programm, der ultimative Vergleich zu Türk Sofrasi Ocakbasi und danach wieder ein kleiner Abstecher zu Taksim, denn an dem führt kein Weg vorbei.

Gurten 2010

Monday, July 26th, 2010

Am Anfang stand ein Missgeschick, das mich die Teilnahme am Konzert der Punk-Band Bad Religion kostete, die nichts geringeres als die Helden meiner Jugend sind. Aber es hätte weitaus schlimmer kommen können. Für einen Augenblick war meine Anwesenheit auf dem Gurten gefährdet. Aber der Reihe nach.
Als ich die KEYMILE Headquarters in Bern-Liebefeld verliess, habe ich das Gurten-Ticket für den Donnerstag in meiner Hosentasche verstaut. Auf dem Weg zur Haltestelle nahte ein Bus, also bin ich mit Luca losgerannt, um ebendiesen zu erwischen. Was uns auch gelang. Beim Hirschengraben setzte ich mich in ein 9er Tram Richtung Wabern. Einige Stationen später stellte ich fest, dass das Ticket verschwunden war. Entweder verloren oder gestohlen, wobei ich angesichts des Sprints zum Bus eher auf ersteres tippte. Bisschen hin und her überlegt, dann zurück zum Hirschengraben und wieder rein in den Bus, andere Richtung, zurück nach Liebefeld. Im Bus klingelte mein Handy. Eine KEYMILE Nummer. Jetzt pass auf: Role der Buchhalter hat das Ticket bei der Busstation gefunden, spazierte zurück zum Arbeitsplatz, tippte die Adresse auf dem Ticket im Internet ein, fand eine Telefonnummer, rief dort an, bekam meine Handynummer und rief mich an. Voila. Ihr seht: Role ist ein feiner Kerl und denkt auch noch mit (was man in dieser Kombination eher selten antrifft).
Das Konzert von Dr. Greg Graffin habe ich nicht mehr miterlebt, die gewaltige Menschenwalze vor dem Gurtenbähnli hat meine letzten Hoffnungen zerschlagen, aber ich will nicht klagen, schliesslich habe ich es allein Role zu verdanken, dass ich überhaupt noch was zu sehen bekam.
Oben auf dem Berg angekommen tat ich, was ich beim Gurten-Festival immer zuerst tue: Eine kühle Ovomaltine bei Swissmilk neben der Hauptbühne holen. Es gibt nichts besseres, lasst euch nicht von diesem Alkohol-Gerede irritieren. Dann ein wenig rumgeschlendert, prinzipiell alles beim alten, hie und da ein neues Zelt, das wars. Wetter bestens, Stimmung friedlich und da zeigten sich direkt die Vorteile des ersten Festivaltages: (1) Leute noch nicht sturzbetrunken, (2) auch wenn es regnen würde, wäre der Boden noch nicht hin und (3) Donnerstag immer die guten englischen Bands am Start, sprich Babyshambles.
Dann das erste Konzert: Blood Red Shoes, eine 2-köpfige Band aus Brighton auf der Zeltbühne: er an den Drums, sie an der Gitarre, beide singen. Geradlinige Songs, wie früher Kurt Cobain, hat was, vermag zu gefallen. Danach geht es weiter auf auf der Hauptbühne, zuvor aber kurzer Abstecher zum Migros Take-away, Pommes Frites mitnehmen. Auf der Hauptbühne eine Band, von der ich noch nie gehört habe: Empire of the Sun. Da muss ich jetzt sagen: nicht so schlimm, dass mir die noch nie über den Weg gelaufen sind, verpasst habe ich nicht viel. Im Programm-Heftli steht: geschmeidiger Synthie-Pop. Der Sänger trug ein bemerkenswertes Kostüm, ansonsten kann ich mich nicht mehr an allzu viel erinnern. Zum Glück stand plötzlich Fridu (= Arbeitskollege) neben mir. Wir schlossen uns kurzerhand zu einer Festivalgemeinschaft zusammen. Fridu ist Gurten-Veteran und war mit einem 4-Tages-Pass unterwegs, frage nicht.
Nach Empire of the Sun wieder zur Zeltbühne, Jet warten. Von dieser Band habe ich eine Platte zu Hause und auf dieser Platte gibt es ein berühmtes Lied. Alle Zuschauer unter dem Zelt warteten nun auf genau diesen einen Song. Das muss auch den Bandmitgliedern klar gewesen sein und irgendwann in der Mitte liessen sie die Katze aus dem Sack, sprich: Are you gonna be my girl? Jet haben sich redlich bemüht und ein anständiges Konzert abgeliefert mit Zugabe und alles. Gegen 23:15 hat man aber langsam gemerkt, die Leute werden unruhig, die Reihen lichteten sich, die Menschen strömten wieder zur Hauptbühne, um den Verrückten zu sehen: die Babyshambles lassen es krachen. Vorneweg natürlich der unverwüstliche Pete Doherty und ich muss sagen: selten hat jemand seinen Niedergang vor den Augen der Welt so gekonnt inszeniert wie dieser unscheinbare Junge aus England, Bezirk Northumberland, Gemeinde Hexham. Schnell wurde klar: Pete ist anders als die anderen. Ganz anders. Er stolperte und torkelte über die Bühne, klimperte ein wenig auf seiner Gitarre, seine Kollegen versuchten seine musikalischen Ausbrüche zu begleiten. Es gelang ihnen nicht immer. Zu Beginn des Konzerts standen sie alle zusammen, strichen über ihre Saiten, spielten die Instrumente ein wenig ein, rauchten und tranken. Dann gings irgendwann los. Alles ziemlich konzeptfrei, aber Pete hangelte sich von Song zu Song. Manchmal genehmigte er sich einen Schluck aus einer seltsamen Glaskaraffe, in die er von Zeit zu Zeit eine Flüssigkeit nachfüllte. Es war faszinierend und traurig zugleich, diesen Burschen auf der Bühne stehen zu sehen. Faszinierend deshalb, weil Doherty wirklich Talent hat, mehr als die meisten anderen. Traurig deshalb, weil er dieses Talent verschwendet, aus dem Fenster wirft, und weil sein Ende absehbar ist, wenn er in diesem Stil weiterlebt. Er schien sich vor unseren Augen aufzulösen. Die Babyshambles beschlossen ihr denkwürdiges Konzert mit dem Song Fuck Forever, nicht ohne vorher dem Publikum mitzuteilen: “Well, you’ve been a terrible audience, I have to say that.”
Fridu zog danach noch weiter zu Choc Quib Town, einer kolumbianischen Band. Es soll ein ausgezeichnetes Konzert gewesen sein. Ich hingegen war müde und machte mich auf den Heimweg.
Wenn man nachts auf dem Gurten steht, dann ist Bern ein einziges Lichtermeer. Ich stieg in die Gurtenbahn, die mich hinab trug, in dieses sanfte Licht.

Bruno der Kreolen-König

Sunday, May 16th, 2010

Seit 2003 bin ich bekennender Tagi-Magi Leser (das Magazin des Tagesanzeigers, www.dasmagazin.ch), seit mir eine Ausgabe in Familie Schneiders Ferienwohnung in die Hände fiel mit einem Bericht über Jaron Lanier. Es war die Zeit, als die Welt eine andere war, als ich in Zürich studierte und als Doris Knecht noch ihre fantastischen Kolumne schrieb.
Meine Hingabe zum Tagi-Magi vertiefte sich einige Wochen später mit einem Artikel von Guido Mingels über die Landdisco im Mittelland, Gefeierte Nächte, als er fünf Solothurner Jugendliche auf ihrem Streifzug durch die Wasserämter Tanzveranstaltungen begleitete. Sensationelle Reportage. Immer wieder gern gelesen. Zum Ende hin gibts eine Literatur-Nobelpreis würdige Passage. Ausgangslage: Disco in der Mehrzweckhalle Deitingen, DJ Antoine war da und andere anerkannte Grössen ihres Fachs, doch irgendwie vermochten sie die Dorfbevölkerung nicht zu begeistern.

Dann, noch später, geht DJ Stiffy an die Plattenteller, der eigentlich Stefan Seiler heisst und Mitglied ist vom OK und vom Unihockey-Club Deitingen. Jetzt ist Schluss mit dem House-Quatsch. Jetzt kommt, für die letzte Stunde, richtige Musik für richtige Menschen. Er legt “Highway to hell” auf von AC/DC. Damit holt er sie alle, jung, alt, Houser, Trancer, Bauern, Rastas, Punks, Alt-Rocker, alle. Es muss nur das heisere Grollen von Bon Scotts Stimme durch die Halle wehen, das stellt den Menschen die Haare auf den Armen zu Bergen. Dann stampfen sie. Dann tanzen sie. Dann geraten sie in diese fröhliche Wut und schreien einander den Refrain zu, WE’RE ON A HIGHWAY TO HELL. Man muss nicht meinen, sagt DJ Stiffy, dass in jedem Jahr ein gutes Lied geschrieben wird auf Erden. Es gab “Highway to hell”. Es gab “The final countdown” von Europe. Es gab “Major Tom” von Peter Schilling, Neue Deutsche Welle. Seither ist eigentlich nicht mehr viel dazugekommen.

So war das damals im Wasseramt.
Ich muss immer wieder schmunzeln, wenn ich bei meinen Eltern zu Hause am Küchentisch sitze und Radio 32 spielt eines der drei besagten Musikstücke (was oft genug geschieht).
Aber darum soll es jetzt gar nicht gehen. Sondern um eine andere Reportage im Tagi-Magi, letzte Woche erschienen, köstlich.

Bruno der Kreolen-König

Von einem, der auszog, um die Welt ein wenig besser zu machen. Von einem, der das Herz am rechten Fleck hat. Auch wenn seine Methoden ein wenig unorthodox sind.

Biohacking

Saturday, May 8th, 2010

Folgender Vortrag von Drew Endy am Chaos Communication Congress 2007 hat mich veranlasst, im vergangenen Frühjahr eine Vorlesung an der ETH Zürich zum Thema Synthetic Biology zu besuchen:

Bei Synthetic Biology habe ich das Gefühl: das könnte was sein für die Zukunft. Da müsste man dran bleiben. Leider fehlt mir momentan das erforderliche Wissen und ein Labor, um da mitmischen zu können (im wahrsten Sinne des Wortes), aber irgendwie ist das eine interessante Sache.

Mag auch daran liegen, dass ich mich während des Studiums intensiv mit Bioinformatik beschäftigt habe und beinahe eine Arbeit zum Thema Drug Design in Silico verfasst hätte, doch leider habe ich mich zeitlich vertan und plötzlich war Betreuer und Thema weg. Wie auch immer, der Krebs muss besiegt werden und gewiss braucht es dabei auch Computer, die mitrechnen.

Wake Up Light

Friday, May 7th, 2010

Vor einigen Wochen hatte Laure Geburtstag. Ein Präsent musste her. Ich fragte sie, ob sie ein solides Geschenk haben wolle, über das sie sich garantiert freut oder ein Überraschungsgeschenk, das sie vielleicht nicht mögen wird. Die klassische Matrix-Situation also: Rote oder blaue Pille. Abenteuer oder Langeweile. Natürlich hat sie sich für die rote Pille entschieden. Und so kaufte ich ihr ein Wake Up Light.
Aufstehen war für uns bisher kein angenehmes Ereignis, stets begleitet von Müh und Not. Als ich in einem Elektrogeräte-Katalog auf das Phillips HF3480 Wake Up Light stiess, da wusste ich: ein neues Zeitalter ist angebrochen.
Nun, was tut ein solches Gerät? Es ist zugleich Wecker und Lichtquelle. Man stellt eine Weckzeit ein. Eine halbe Stunde vor diesem Zeitpunkt schaltet sich die Lampe stufenweise ein (Simulation eines Sonnenaufgangs) und zur Weckzeit erklingt Vogelgezwischer, das dich aus dem Schlaf holt. Bereits das Licht lässt die Erkenntnis langsam in dein Bewusstsein sickern, dass es bald vorbei sein wird mit dem geruhsamen Schlaf, doch wachst du noch nicht auf, denn du weiss: die lieblichen Vöglein werden dich sanft in den Tag begleiten.
Die Begeisterung bei Laure war gross und das Gerät ist absolut grossartig (obwohl sich viele Kunden auf amazon.de abfällig über den HF3480 geäussert haben). Ich muss sagen: aufstehen ist ein ganzes Stück angenehmer geworden. Und wer Vogelgezwitscher nicht mag, kann sich auch von Trommeln wecken lassen.

Paintball

Saturday, February 27th, 2010

Nach einer eher enttäuschenden Vorrunde der zweiten Mannschaft des HSV Halten wurde an einem ausserordentlichen Workshop zu Beginn des Jahres beschlossen, dass der Mannschaftsgeist unbedingt und umgehend gestärkt werden muss. Jetzt Frage: wie stärkt man den Mannschaftsgeist einer verunsicherten 5.Liga Fussballmannschaft? Richtig, indem sich die Spieler beim Paintball gegenseitig niederzumetzeln.
Paintball ist eine neuartige Freizeitbeschäftigung. Im wesentlichen geht es darum, sich mit einer Farbpistole bewaffnet hinter Schutzwällen zu verstecken und gegnerische Spieler abzuknallen, wenn sie dir vor die Flinte laufen. In Grellingen gibt es eine Paintball-Halle, ungefähr 15×50 Meter gross, vollgestellt mit groben Holzverschlägen, hinter die sich der geübte Spieler in Deckung begeben kann.
Kurze Instruktion, dann rein in den Ganzkörperanzug, Schutzmaske aufgesetzt, Waffe behändigt, Druckluft reingepumpt, mit 200 Farbkugeln aufmunitioniert und schon kann es losgehen. Ich fand mich im Team mit den roten Baseball-Mützen wieder, das, wie sich bald zeigen sollte, ihren Widersachern mit den schwarzen Kopfbedeckungen nicht gewachsen war. Wir bestritten ein Dutzend Schlachten und gewannen deren drei, in der Regel wurden wir jedoch von der schwarzen Walze überrollt. Gegen Ende des Gemetzels gingen meine Farbkugeln zur Neige, und da ich keine Lust verspürte, reales Geld in Munition zu investieren, änderte ich kurzerhand meine Taktik und versteckte mich in der sicheren Deckung weit in unserer Zone, rollte ein bisschen hier hin und ein bisschen dort hin, feuerte ab und zu eine Farbkugel ab, verharrte aber meistens hinter einer Holzwand und dachte nach über die Grausamkeit des Krieges. Irgendwann tauchten unverhofft die schwarzen Krieger auf und streckten mich nieder. Erschwerend kam hinzu, dass ich nach einigen Runden nicht mehr viel sehen und auch nicht mehr beurteilen konnte, wo meine Geschosse einschlugen, obwohl ich mein Visier stets gewissenhaft reinigte. Schlechte Voraussetzungen, um einen Krieg zu gewinnen. Und eines darfst du nicht vergessen: aus kurzer Distanz abgefeuert brennt die zerspringende Farbkugel ganz ordentlich, Schutzanzug hin oder her.
Dieser Nachmittag bot mir einen interessanten Einblick in eine völlig fremde Welt. Ich denke, dass mir diese Welt auch in Zukunft fremd bleiben wird, denn ich werde meine Paintball-Karriere voraussichtlich nicht fortsetzen, vor allem deshalb, weil ich zu alt, zu langsam und zu blind für diesen Sport bin. Aber trotzdem schön, dabei gewesen zu sein.

Alina Yael

Saturday, February 27th, 2010

Gestern frühmorgens um 2:30 gebar meine Schwester eine Tochter, die den Namen Alina Yael trägt.
Herzlich willkommen!
Du wurdest in eine Welt geborgen, die mit den Nachwehen einer Finanzkrise kämpft, welche durch die Gier einiger skrupelloser Idioten verursacht und befeuert wurde. Mit Barack Obama ist erstmals ein Mann afro-amerikansicher Herkunft Präsident des mächtigsten Landes der Welt, den Vereinigten Staaten von Amerika. Eine Frau (Angela Merkel) ist deutsche Bundeskanzlerin und ein Homosexueller (Guido Westerwelle) ist deutscher Aussenminister. Wunderbar, wir sind auf dem Weg zu einer farbenfroheren, pluralistischeren Welt. China hat sich aufgemacht, zum einflussreichsten Land der Erde aufzusteigen. Die Schweiz macht sich langsam mit dem Gedanken vertraut, dass das Bankgeheimnis vom Strom der Geschichte weggeschwemmt wird und hat an der Morgen zu Ende gehenden Olympiade in Vancouver 6 Gold- und 3 Bronzemedaillen errungen.
Die drei meistbesuchten Internetseiten sind

  1. google.com
  2. facebook.com
  3. yahoo.com

Zur Feier deiner Geburt habe ich gestern Abend ein Tannenzäpfle Bier getrunken.

Schabrackentapir

Sunday, February 14th, 2010

Letzen Freitag fuhren wir nach Stuttgart, um ein Konzert des Liedermachers Funny van Dannen zu besuchen. Meine Schwester hatte mir zum Geburtstag zwei Tickets geschenkt. Die Veranstaltung sollte ursprünglich am 19. Dezember über die Bühne gehen, doch nach diversen Verschiebungen und Lokalitätswechseln wurde schliesslich das Kulturzentrum Zapata zum Austragungsort auserkoren. Eine Menge Leute waren da, das Publikum bunt gemischt, von 3-70 Jahren alles dabei, leicht links-alternativ angehaucht, erwartungsfroh. Irgendwann trat Funny dann auf die Bühne mit seiner Gitarre und einem Stapel Liedertexten. Einige einleitende Worte, verschmitztes Lächeln, dann begann er zu spielen. In einer ersten Phase vorliegend Titel seines aktuellen Albums Saharasand, später dann plünderte er wahllos die reichen Bestände seines Liederarchivs. Du darfst nicht vergessen: Funny van Dannen hat ungefähr ein Dutzend Alben veröffentlicht und auf jedem Tonträger schlummern durchschnittlich 20 Songs, wir sprechen also von ungefähr 240 Liedern. Da kann man aus dem Vollen schöpfen.
Irgendwann begannen die Leute, ihre Wunschlieder reinzuschreien und Funny spielte, was sie hören wollten. Er gab alle grossen Hits zum besten, von denen ich viele gar nicht kannte:

Grooveman
Herzscheisse
Schilddrüsenunterfunktion
Kapitalismus
Gutes tun
Vaterland
Korkenzieherlocken
Plastikball
Saufen
Lesbische schwarze Behinderte
Ich habe einen Arbeitsplatz vernichtet
Nebelmaschine
Okapiposter
Nana Mouskouri

Die Titel der Lieder lassen auf einen grossartigen Abend schliessen und das war es auch. Einzig Uruguay fehlte.
Nach zirka 40 musikalischen Beiträgen und zwei Zugaben schloss Funny van Dannen seinen Vortrag mit dem letzten Lied des aktuellen Albums ab und verliess die Bühne, nachdem er sich unter tosendem, nicht abbrechen wollendem Applaus und einem schlichten Merci. Tschüss. vom Publikum verabschiedet hatte.

Für alle Fans hier noch das Okapiposter:

Wer Funny van Dannen nicht kennt, muss sich das Lied vielleicht mehrmals anhören, um gefallen daran zu finden.