Marseille

Auszug eines Artikels aus dem Tagesanzeiger, liegt seit einigen Wochen als Blogpost-Fragment auf Halde: Stimmungsbericht aus Marseille, kurz vor der Stichwahl, in der Macron über Le Pen triumphierte. Bemerkenswert ist die letzte Aussage des Schriftstellers Philippe Pujol über den FN.

In der sich ständig verändernden Zusammensetzung der Stadt hat sich etwas entwickelt, das Pujol einen «Der letzte macht die Tür zu»-Rassismus nennt. Algerier, die finden, dass jetzt nicht auch noch die Leute von den Komoren kommen müssen. Schwarze Christen, denen ihre muslimischen Nachbarn auf den Geist gehen. «Für manche ist es der ultimative Integrationsbeweis, FN zu wählen. Sie sind dann angekommen, wenn sie es sich leisten können, andere auszugrenzen.» Trotzdem glaubt er, dass Marine Le Pen langsam den Höhepunkt ihres Erfolges hinter sich haben könnte. «Der FN zieht Menschen an, deren einzige Gemeinsamkeit ihre Frustration und Abstiegsangst ist. Aber daraus entsteht ja kein gemeinsames Ziel. Die Partei ist voll von Menschen, die einander nicht ausstehen können.»

Hoffentlich ein universelles Merkmal aller Rechtspopulisten.

POTUS

Für dieses Titelbild wurde DER SPIEGEL harsch kritisiert. Wahrscheinlich von Leuten, die generell gut austeilen, aber weniger gut einstecken können. So wie der POTUS selbst.

Zeichnung von Edel Rodiguez

Frau Gertrude

Die Rechtspopulisten haben in letzter Zeit mächtig auftrieb. Nach Trump droht Hofer in Österreich als Bundespräsident und dann ist da auch noch Frau Le Pen in Frankreich.

Da kommt die Rentnerin Gertrude aus Österreich gerade recht. 89 Jahre alt, es könnte ihre letzte Wahl sein. Sie appelliert an die Jungen, die ihr ganzes Leben noch vor sich haben, ihre Wahlentscheidung mit Vernunft und Augenmass zu fällen. Ihr einleuchtender Ratschlag: entscheide dich für den Kandidaten, der das Beste, das Anständige aus den Menschen herausholt und nicht das Niedrigste.

Hat Gertrude alles schon gesehen. Es waren finstere Zeiten.

Jorge Romas nicht vergessen: Die Grösse eines Landes bemisst sich nicht daran, wie es mit den Mächtigen umgeht. Die Grösse eines Landes bemisst sich daran, wie es mit den Machtlosen umgeht.

Und dann die Bombe zum Schluss:

Gertrude ist 16 Jahre alt, als sie mit den Eltern und ihren zwei jüngeren Brüdern nach Auschwitz deportiert wird.

Ihre gesamte Familie wird umgebracht – sie überlebt als Einzige.

Le nationalisme, c’est la guerre.

In Zeiten von Trump scheint es mir angezeigt, eindringlich vor drohendem dumpfen Nationalismus zu warnen. Keiner hat dies eindringlicher getan als François Mitterand in seiner letzten Rede vor dem EU-Parlament im Jahr 1995.

Letzter Teil seiner Ausführungen:

Je m’en suis rendu compte, lorsque j’étais prisonnier, en cours d’évasion. J’ai rencontré des Allemands et puis j’ai vécu quelques temps en Bade-Wurtemberg dans une prison, et les gens qui étaient là, les Allemands avec lesquels je parlais, je me suis aperçu qu’ils aimaient mieux la France que nous n’aimions l’Allemagne. Je dis cela sans vouloir accabler mon pays, qui n’est pas le plus nationaliste loin de là, mais pour faire comprendre que chacun a vu le monde de l’endroit où il se trouvait, et ce point de vue était généralement déformant. Il faut vaincre ses préjugés. Ce que je vous demande là est presque impossible, car il faut vaincre notre histoire et pourtant si on ne la vainc pas, il faut savoir qu’une règle s’imposera, Mesdames et Messieurs : le nationalisme, c’est la guerre ! La guerre ce n’est pas seulement le passé, cela peut être notre avenir, et c’est vous, Mesdames et Messieurs les députés, qui êtes désormais les gardiens de notre paix, de notre sécurité et de cet avenir !

Trump

Oje, Trump. Des Populismus grösster Sieg. Es scheint, als habe der wütende weisse Mann eine letzte Schlacht gewonnen. Mehr Mauern, und endlich wieder Kohle- und Stahlindustrie!

Den Humor nicht verlieren.

Bei allem, was man so liest, könnte es unerfreulich werden für die Welt. Andererseits könnte sich dies alles dank checks and balances und einem kompetenten Beraterteam in so was wie Wohlgefallen auflösen. Am besten die Leute arbeiten lassen und Trump auf eine Runde Golf schicken.

Uns stehen aufregende, vielleicht auch unruhige Zeiten bevor. Aber Unruhe muss nicht schlecht sein.

Good luck

trump

Jetzt kommst du mit ja, ja, wenn nichts mehr hilft, dann her mit dem Hitlervergleich, Godwin lässt grüssen, hast du denn nichts Besseres zu bieten? Stimmt natürlich, und nein, ich habe nichts Besseres zu bieten, ausser dem Hinweis, vor dem Gang in die Wahlkabine doch noch das Gehirn einzuschalten.

Sie mag nicht perfekt sein (weit davon entfernt), aber Trump? Kann nicht dein Ernst sein, frustrierter weisser Mann.

Schon abgefahren, ein republikanischer Millardär soll plötzlich der Retter des Büezers sein. Irre Welt.

Wenn ihr die Revolution wollt, dann hättet ihr Bernie Sanders wählen müssen. Den Sozialisten, richtig. Aber dazu hat der Mut dann doch nicht gereicht.

Die Abwicklung

Kurz vor der US-Wahl, Buchtipp: Die Abwicklung von George Packer. Eines der besten Bücher, die ich in letzter Zeit gelesen haben. Es portraitiert rund ein Dutzend US-Bürger aus verschiedenen Gesellschaftsschichten und beschreibt dabei die Gräben, die sich zwischen ihnen aufgetan haben und die in diesem Wahlkampf klar hervorgetreten sind. Der amerikanische Traum löst sich auf, die Banden innerhalb der Gesellschaften zerfallen. Düstere Aussichten, es riecht nach Trump. Die USA müssen sich neu erfinden.