Archive for the ‘Bücher’ Category

Trans-Amerika

Thursday, August 12th, 2010

Ein Buch, das mir Ninja vor einigen Tagen geschenkt hat und das ich ohne Umschweife begann zu lesen, obwohl das chinesische Epos Brüder seit Wochen ganz oben auf meiner Nicht-Computer-Liste steht. Denn ich habe ja immer zwei Listen: die Computer-Liste und die Nicht-Computer-Liste. Eigentlich lese ich lieber die Romane auf der Nicht-Computer-Liste, aber solange ich kein guter Software-Ingenieur bin, muss ich weiterhin Computer-Bücher lesen, um die Seele des Rechenautomaten, seinen Kern(el) zu ergründen. Muss sein.
Nun, das Buch Trans-Amerika von Tom McNab schildert den Transamerikalauf von 1928, eine Laufveranstaltung über 5000km (!) von Los Angeles nach New York. Den Lauf gabs wirklich, allerdings hat der Autor ihn drei Jahre später stattfinden lassen, zur Zeit der grossen Depression. Macht die Sache interessanter. Die beschriebenen Läufer und die Ereignisse rund um den Lauf sind wahrscheinlich allesamt frei erfunden, zu bunt die Geschichten, aber durchaus eine spannende Lektüre, denn es wird nicht nur gelaufen, sondern auch allerlei anderes geboten: Boxkämpfe, Glücksspiele, Krawalle, Menschen die gegen Pferde sprinten und und und. Was mich am meisten gestört hat: die Guten gewinnen immer. Es gibt Gefahren, aber keine Katastrophen, und zum Schluss werden alle Freunde. Bisschen viel heile Welt für meinen Geschmack, zu viel gute Laune, wo bleibt denn der Schmerz des Lebens, die Niederlagen, die Tragödien? Andererseits: kann auch nicht schaden, wenn das Leben zur Abwechslung mal ein Ponyhof ist.

Roman eines Schicksallosen

Thursday, May 13th, 2010

Jetzt mal wieder zu einem ernsten Thema. Nach Die Wohlgesinnten habe ich Roman eines Schicksallosen des ungarischen Literaturnobelpreisträgers Imre Kertész gelesen. Das Buch beschreibt den Alltag im Arbeitslager Buchenwald aus der Perspektive eines jungen Häftlings, quasi das Gegenstück zu Littells SS-Offizier-Sicht. Ich-Erzähler, stark autobiografisch, denn wie der Vortragende war auch Kertész in Buchenwald interniert.
Der Roman ist ein einziger Faustschlag. Kertész hat eine Sprache gefunden, mit der er die Greuel des Lagers ohne Empörung, ohne Entrüstung, ohne Wut beschreibt. Es ist diese unglaublich minimalistische, sachliche, kindliche, emotionslose Ausdrucksweise, die ungeheuerlichen Aussparungen, die dem Leser unter die Haut gehen. Beispiel gefällig?

Erst da begriff ich, dass die Zeit offenbar hin und wieder unsere Wahrnehmung täuschen kann. So hatte dieser – in seinem Ergebnis zwar durchaus fassbare – Prozess auch meiner Aufmerksamkeit entgehen können, als er sich zum Beispiel an einer ganzen Familie vollzog, nämlich an der Familie Kollmann. Ein jeder im Lager kannte sie. Sie kamen aus einem gewissen Ort namens Kisvarda, aus dem auch noch viele andere hier waren, und aus der Art, wie man mit ihnen oder von ihnen sprach, schloss ich, dass sie zu Hause angesehene Leute gewesen sein mussten. Sie waren zu dritt: der kleinwüchsige, kahle Vater, ein grösserer und ein kleinerer Junge, die dem Vater überhaupt nicht, einander aber – und demzufolge wahrscheinlich der Mutter, denke ich – im Gesicht auffällig ähnlich waren, die gleichen blonden Borsten, die gleichen blauen Augen. Sie gingen immer zu dritt, und wenn nur irgend möglich Hand in Hand. Nun habe ich nach einer gewissen Zeit bemerkt, dass der Vater hin und wieder zurückblieb und die beiden Jungen ihm helfen und ihn an der Hand mitziehen mussten. Nach einer Weile war dann der Vater gar nicht mehr bei ihnen. Dann aber musste der grössere bald den kleineren nachziehen. Noch später ist dann auch dieser verschwunden, und da schleppte der grössere bloss noch sich selbst, und in der letzen Zeit sah ich auch ihn nirgends mehr. (S.170)

Schon mal die Grausamkeit eines Konzentrationslagers in solchen Worten wiedergefunden?
Wenn du das Buch liest und die Entrüstung, die Ohnmacht, der Zorn in dir aufsteigt, wenn du des Wahnsinns gewahr wirst, dann hält dir Kertész diese Sanftmut, diese Ruhe, diese Gelassenheit, diese Güte entgegen, und du denkst: wo bleibt denn hier der Aufschrei, der Groll, die Raserei?
Noch so eine Stelle, als er einen Sack Zement fallen lässt und sich der Aufseher auf ihn stürzt:

Dann zerrte er mich wieder hoch: “Dir werd ich’s zeigen, Arschloch, Scheisskerl, verfluchter Judenhund”, so dass ich nie wieder einen Sack fallen liesse, wie er versprach. Von da an lud er mir bei jeder Wende persönlich den Sack auf den Nacken, nur um mich kümmerte er sich, nur ich gab ihm zu tun, nur mich verfolgte er mit den Blicken bis zum Wagen und zurück, und mich holte er nach vorn, auch wenn der Reihe und der Gerechtigkeit nach andere drangewesen wären. Zu guter Letzt spielten wir einander beinahe schon in die Hände, kannten uns schon, beinahe las ich schon so etwas wie Befriedigung, Zuspruch um nicht zu sagen Stolz auf seinem Gesicht, womit er, das musste ich zugeben, unter einem bestimmten Blickwinkel gesehen sogar recht hatte: wenn auch schwankend, gekrümmt, zuweilen mit Schwärze vor den Augen, so hielt ich doch durch, ich kam und ging, ich trug und schleppte, und zwar ohne einen einzigen weiteren Sack fallen zu lassen, und das war ja – das musste ich einsehen – alles in allem die Bestätigung für ihn.
Andererseits fühlte ich am Ende dieses Tages, dass etwas in mir unwiederbringlich kaputtgegangen war, von da an dachte ich jeden Morgen, es sei der letzte, an dem ich noch aufstehen würde, bei jedem Schritt, dass ich den nächsten nicht mehr tun, bei jeder Bewegung, dass ich die nächste nicht mehr schaffen würde; aber ja nun, vorläufig schaffte ich sie noch jedesmal.

Wo hat er bloss die Kraft hergenommen?

Die Wohlgesinnten

Thursday, April 29th, 2010

Ich nahm den Urlaub in Frankreich zum Anlass, das Buch Die Wohlgesinnten von Jonathan Littell zu lesen. Der Roman erzählt die Geschichte des Zweiten Weltkrieges aus der Perspektive des fiktiven SS-Offiziers Maximilian Aue, der seine Erinnerungen niederschreibt. Ein monumentales Werk von grosser Strahlkraft, aber natürlich grausam, an der Grenze des Erträglichen. Nichts wird ausgelassen: Das Pogrom von Babyn Jar, Stalingrad, Auschwitz. Ersteres wird in allen Einzelheiten geschildert, von der Planung des Massakers bis zur Durchführung, da hätte ich echt kotzen können. Und immer wieder denkt man: wie konnten diese Menschen das nur tun? Aber eines darfst du nicht vergessen (S. 34):

Die moderne Geschichte hat, denke ich, hinreichend bewiesen, dass jeder Mensch, oder fast jeder, unter gewissen Voraussetzungen das tut, was man ihm sagt; und, verzeiht mir, die Wahrscheinlichkeit ist gering, dass ihr die Ausnahme seid – so wenig wie ich. Wenn ihr in einem Land und in einer Zeit geboren seid, wo nicht nur niemand kommt, um eure Frau und eure Kinder zu töten, sondern auch niemand, um von euch zu verlangen, dass ihr die Frauen und Kinder anderer tötet, dann danket Gott und ziehet hin in Frieden. Aber bedenkt immer das eine: Ihr habt vielleicht mehr Glück gehabt als ich, doch ihr seid nicht besser.

Im Prolog kommt er auch auf die Schuld zu sprechen (S.32):

Hier wurden im Rahmen einer Rechtsordnung ausgewählten Kranken in einem Gebäude von regulären Krankenschwestern in Empfang genommen, registriert und entkleidet; Ärzte untersuchten sie und führten sie in eine Kammer, die hermetisch verschlossen wurde; ein Arbeiter öffnete die Gaszufuhr, anderer reinigten die Kammern; ein Polizist stellte die Sterbeurkunde aus. Nach dem Krieg befragt, antwortete ein jeder von ihnen: Ich, schuldig? Die Krankenschwester hat niemanden getötet, sie hat die Kranken lediglich entkleidet und beruhigt, die üblichen Handreichungen ihrer Zunft. Auch der Arzt hat nicht getötet, sondern lediglich eine Diagnose nach Kriterien bestätigt, die von anderen Instanzen vorgegeben waren. Der Hilfsarbeiter, der den Gashahn aufdreht, der Mann also, der in Zeit und Raum dem Mord am nächsten kommt, führt unter der Aufsicht seiner Vorgesetzten und der Ärzte eine bestimmt Verrichtung aus. Die Arbeiter, welche die Kammer säubern, genügen damit einer hygienischen Pflicht, einer höchst abstossenden noch dazu. Der Polizist nimmt eine Amtshandlung vor, wenn er den Tod beurkundet und anmerkt, dass er ohne Verstoss gegen geltendes Recht eingetreten ist. Wer ist also schuldig? Alle oder niemand? Warum sollte der an den Gashahn gestellt Arbeiter grössere Schuld auf sich laden als der Arbeiter, der für die Heizung, den Garten oder die Fahrzeuge zuständig ist? Das gilt für alle Aspekte dieses ungeheuren Unternehmens.

Darin zeigt sich der ganze Wahnsinn des Systems. Darüber sollte man nachdenken. Lange und intensiv.
Dieser Roman ist wichtig und muss gelesen werden. Also los, ab in die Buchhandlung und das Taschenbuch erstehen.

Feld-Wald-Wiese

Thursday, April 29th, 2010

Als ich im Zug nach Speyer sass, las ich ein kleines Büchlein: Feld-Wald-Wiese, ein Bericht über die Hooligan-Szene des FC Zürich. Sehr unterhaltsam, insbesondere für Leute, die den Film Fight Club mögen. So lange sich diese Bekloppten in den Wäldern treffen, um sich die Köpfe einzuschlagen, soll mich das nicht stören.

2666

Sunday, February 21st, 2010

Nach zweimonatiger Lesereise vorwiegend in Zügen und Bussen habe ich Roberto Bolanos 2666 zu Ende gelesen. Ein grosses Buch, wenn auch seltsam, beklemmend, dunkel, verstörend, aber von einer ausserordentlichen sprachlichen Meisterschaft. Der Roman besteht aus fünf Teilen, die allesamt einen Bezug zur fiktiven mexikanischen Stadt Santa Teresa haben, hinter der sich das reale Ciudad Juárez verbirgt, wo in den 90ern junge Frauen zu hunderten unter ungeklärten Umständen ermordet wurden. Der erste Teil handelt von vier Literaten, die auf der Suche nach dem verschollenen deutschen Schriftsteller Benno von Archimboldi nach Santa Teresa gelangen. Der zweite Teil erzählt die Geschichte des chilenischen Literatur-Professors Amalfitano, der in Santa Teresa lehrt und lebt. Der dritte Teil kreist um den schwarzen US-Journalisten Fate, der über einen Boxkampf in Santa Teresa berichten soll, sich aber zunehmend für die Frauenmorde zu interessieren beginnt, bevor er in die USA zurückgerufen wird. Der vierte Teil ist den Frauenmorden gewidmet und der letzte Teil dem Leben Archimboldis.
Bolano schreibt Sätze wie diesen: Manchmal stürzte er sich zusammen mit seinen Kameraden in die Eroberung einer feindlichen Stellung, ohne die geringste Vorsichtsmassnahme, was ihm den Ruf der Kühnheit und Tapferkeit eintrug, obwohl er bloss eine Kugel suchte, die seinem Herzen Frieden brachte. (S.850)
Das sind natürlich Sätze, die nicht viele zu schreiben im stande sind. Und obwohl sich mir die Botschaft des Romans nicht vollständig erschliesst, ist die Sprache doch wunderbar. Man versinkt darin und wird von ihr verschlungen.
Ich bin ohnehin ein grosser Fan südamerikanischer Autoren, insbesondere liebe ich die üppige Sprache Gabriel Garcia Marquez, und Bolano zeigt mir nun, dass ich noch viel mehr Bücher süd- oder mittelamerikanischer Schriftsteller lesen muss. Generell mehr lesen. Kann nicht schaden.

2666 – Der Grund allen Lesens

Saturday, January 23rd, 2010

In diesem Jahr will ich einige der grossen zeitgenössischen Romane lesen (z.B. 2666, Unendlicher Spass, Brüder, Die Wohlgesinnten, Der Turm). Begonnen habe ich mit 2666 von Roberto Bolano.
Auf Seit 283 habe ich den Grund gefunden, warum ich dies tue:

Nicht einmal die belesenen Apotheker wagen sich mehr an die grossen, die unvollkommenen, die überschäumenden Werke, die Schneisen ins Unbekannte schlagen. Sie geben den perfekten Fingerübungen der grossen Meister den Vorzug. Anders gesagt: Sie wollen die grossen Meister bei eleganten Fechtübungen beobachten, aber nichts wissen von den wahren Kämpfen, in denen die grossen Meister gegen jenes Etwas kämpfen, das uns allen Angst einjagt, jenes Etwas, das gefährlich die Hörner senkt, und es gibt Blutvergiessen, tödliche Wunden und Gestank.

Die Schneisen ins Unbekannte schlagen. So ist es. Da muss man als Leser hin. Nicht immer bloss Martin Suter und Wolf Haas (obwohl natürlich Spitzenautoren), wos lustig und spannend ist, sondern auch mal dort hin wos weh tut, wo die Lunge brennt und die Augen tränen.
Kafka hat es so ausgedrückt:

Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.

Der letzte Weynfeldt

Thursday, December 31st, 2009

Wieder mal ein Buch gelesen und (welch Überraschung!) schon wieder einen Martin-Suter-Roman. Entwickelt die gewohnte Sogwirkung, aber trotzdem ist es eines der schwächeren Werke des Präzisionsschreibers. Diesmal fehlte ein wenig das Geheimnis, das die Handlung üblicherweise vorantreibt. Generell zu durchsichtig, nicht so vielschichtig, verworren und verstörend wie in anderen Suter-Romane, aber natürlich nie langweilig. Langweilig schreiben, das kann er nicht, der Suter, und das ist natürlich höchst löblich.

Dorfpunks

Friday, November 20th, 2009

Ein Buch von Rocko Schamoni, der seine Jugend als Punk auf dem Dorfe Revue passieren lässt. Es war nicht einfach. Weder für ihn noch für sein Umfeld.
Durchaus unterhaltsam, kommt aber nicht an Sven Regeners Lehmann-Trilogie (oder gar den Brenner) heran.
Auf der letzten Seite eine wunderschöne Widmung:

Für:
Mama
Wolli
Björn
Sigurd
Tobias
und alle anderen,
die schon gehen mussten.

Das Biest besiegen

Wednesday, September 30th, 2009

Grosse Werke gilt es dieses und nächstes Jahr zu lesen:

  • Brüder von Yu Hua. Das chinesische Epos.
  • Unendlicher Spass von David Foster Wallace. Die literarische Sensation des Jahres.
  • Die Wohlgesinnten von Jonathan Littell. Das französische Erdbeben.
  • 2666 von Roberto Bolano, die mexikanisch-chilenische Offenbarung.

Und dann ist da immer noch James Joyces Ulysses, dieser Jahrhundertroman, an dem ich bereits mehrmals gescheitert bin. Irgendwann werde ich ihn bezwingen, diesen Dämon.

p.s. Fünf Bücher, alles zusammen schlappe 5900 Seiten. Da siehst du, was es geschlagen hat.

p.p.s. Amazon vermag zu beeindrucken: Die stellen den Zusammenhang zwischen Wallace und Bolano mühelos her, quasi kaufen im Doppelpack, nachdem ich mir seit Minuten den Kopf zermartert habe, wie Buch und Autor heissen. 2666! Bolano!

Der Brenner und der liebe Gott

Saturday, September 26th, 2009

Mit leuchtenden Augen hat mir Mitbewohner Strub die freudige Nachricht überbracht: ein neuer Brenner-Roman wurde veröffentlicht, nachdem Wolf Haas nie wieder ein Brenner-Abenteuer niederschreiben wollte. Da kannst du exemplarisch sehen: er kann nicht anders, der Haas. Der Brenner in ihm ist einfach zu stark. Der muss aus ihm raus und zwischen Buchdeckel geklemmt werden.
Ich natürlich gleich in den Buchladen Stauffacher, eigentlich um Foster Wallace’ Jahrhundertroman zu kaufen, und was sehe ich da feinsäuberlich aufliegen bei den Kriminalroman-Neuheiten? Der neue Brenner! Sofort zur Kasse damit und verschlungen das Buch. Was soll ich dir sagen: Als ob er nie weggewesen wäre. Der Roman ist fantastisch, ein hervorragender Brenner-Roman, ich bin noch immer ganz begeistert. Der Plot haarsträubend wie immer und der Brenner ist der Brenner, Weltklasse Hilfsausdruck. Ich weiss gar nicht, warum die da oben in Stockholm nicht endlich mal erwachen und Wolf Haas den Nobelpreis zusprechen.
Es bleibt zu hoffen, dass der grosse Haas weiterhin seine Brenner-Romane schreibt, denn wenn wieder mal einer erscheint, dann siehst du erst, wie traurig und leer die Zeit ohne den Brenner war. Wer immer noch keinen Brenner-Roman gelesen hat, sollte sich schleunigst mal die Gesamtausgabe beschaffen und dann los. Eine derart komplexe Figur wie der Brenner, da kannst du dein Leben lang um ihn herumlesen und wirst ihn trotzdem nie ganz verstehen. Da höre ich dich schon sagen: wenn man ihn nie ganz versteht, dann kann ich ja auch später damit beginnen. Aber eben genau der falsche Denkansatz, denn: je mehr vom Brenner du liest, desto glücklicher wirst du sein. Darum kann heute nicht früh genug sein.